Rainer Willmann war nicht zum ersten Mal im Harzvorland unterwegs. Doch was der Zoologe von der Universität Göttingen an diesem Spätsommertag vor wenigen Wochen erlebte, wird er nie vergessen. "Er ist aufgeflogen, und ich dachte: Moment mal, das war doch ein Bittacus", berichtet Willmann. Aufgeregt drehte der Zoologe jedes Blatt um, suchte fieberhaft nach dem, was er da eben vermeinte gesehen zu haben. Und tatsächlich, nach zwei Stunden fand er ihn: einen Mückenhaft, lateinisch Bittacus hageni – ein Wesen, das der Lehrmeinung zufolge bei uns seit über hundert Jahren ausgestorben ist.

Beschrieben wurde das Insekt erstmals 1860 von dem Wiener Entomologen Friedrich Brauer. Oberflächlich ähnelt das Tier mit dem gedrungenen Torso, dem lang gestreckten Hinterleib, den langen dünnen Beinen, den tropfenförmigen Flügeln und einem rüsselartigen Fortsatz am Kopf einer Mücke. Dieser Ähnlichkeit verdankt der Mückenhaft auch seinen seltsamen Namen. Tatsächlich hat er aber nur wenig mit Mücken gemein; vielmehr gehört er zur Ordnung der Schnabelfliegen.

Und Mücken sollten dem Mückenhaft besser nicht zu nahe kommen, denn er ist ein Räuber, der ziemlich wahllos alles vertilgt, was er zu fassen kriegt. Auf seinem Speisezettel stehen sogar kleine Spinnen. Mit Vorliebe stöbert der Mückenhaft seine Beute beim Suchflug durch Wiesen und Unterholz auf und ergreift sie mit seinen langen Hinterbeinen, die mit kleinen Fangklauen versehen sind. Die Männchen locken die Weibchen mit Sexualduftstoffen zur Paarung an und überreichen ihnen als kulinarisches "Brautgeschenk" ein Beutetier, das dann gemeinsam angesaugt wird.

Mit vier Zentimeter Flügelspannweite ist die räuberische Schnabelfliege eigentlich kaum zu übersehen. Umso verwunderlicher scheint, dass sie "außerordentlich selten beobachtet wird und nur sehr wenig über ihre Verbreitungsgebiete bekannt ist", wie Willmann erklärt. In Deutschland wurde der Mückenhaft bis zum Zeitpunkt von Willmanns Entdeckung überhaupt nur ein einziges Mal gesichtet, nämlich im Jahre 1870 von einem gewissen Herrn von Roeder. Seither gilt er hierzulande als ausgestorben. Auch in anderen europäischen Ländern macht sich der Mückenhaft rar. Über seine Verbreitung weiß man bisher nicht viel mehr, als dass er südliche Gefilde bevorzugt.

Kein Wunder, dass Willmanns Entdeckung unter Fachkollegen als Sensation gilt. "Wenn ich erzähle, dass ich einen Bittacus hageni gesehen habe, dann glaubt mir das keiner", sagt der Zoologe, der sein Glück noch immer kaum fassen kann. Wer kann schon von sich behaupten, dass seinetwegen die Fachbücher umgeschrieben werden müssen? Zumindest in der Insektenkunde wird Willmann nun diese Ehre zuteil. Schade nur, dass die neue Auflage des Lehrbuchs der allgemeinen und angewandten Entomologie bereits im Oktober dieses Jahres erscheint: Die Tatsache, dass der Mückenhaft in Deutschland lebt, wird leider in dieser Auflage noch nicht verzeichnet sein.

Frank Schubert