Im Panorama der kapitalistischen Wirtschaft ist es seltsamerweise der Spekulant, der zur Melancholie neigt. Ausgerechnet dieser fixe Junge, nervenstark und entscheidungsfreudig, kennt den Zweifel an allem und sich selbst. Dabei ist der Spekulant eine dezidiert moderne Gestalt. Er hantiert mit der Wirtschaft in ihrer abstraktesten Form, macht sich von seiner Umgebung sozial unabhängig und steht dank seines arbeitsfreien Einkommens über den Normen von Christentum und Bürgerlichkeit. Alles so modern und doch melancholisch. Der Berner Soziologe Urs Stäheli ist dieser Figur in Börsenbeobachtungen und Börsenratgebern seit dem 17. Jahrhundert nachgegangen und hat in ihrer Modernität die Gründe der Melancholie gefunden. Das Recht des Arbeiters, sich in seinen Produkten wiederzufinden, ist dem Spekulanten verwehrt. Identifiziert er sich mit seinen Börsenpapieren, gibt er ihnen einen Platz in seinem Leben, ist er nicht mehr frei, mit ihnen zu handeln. Was ihn von den Beschränkungen der Realwirtschaft löst, bindet ihn an das eigenen Innere, nicht zu seinem Glück.

Im neuen Merkur, in dem Sonderheft mit dem wuchtigen Titel Kapitalismus oder Barbarei?, ist Stähelis Melancholischer Spekulant der einzige Beitrag, der vom Unglück handelt. Sonst steht der Kapitalismus als eine schöne Angelegenheit da, mit eineinhalb Ausnahmen: halb bei Edzard Reuter in seinem präsidial-unentschiedenen Duktus und ganz bei Jochen Hörisch, dem Germanisten, der die religiösen Wurzeln der Wirtschaft freilegt und die gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Diskussionsbeiträge als reine Glaubensbekenntnisse bezeichnet. Aber wer wie Hörisch meint, um die deutsche Wirtschaft stehe es schlecht, obwohl und weil alles getan worden sei, was die Wirtschaftsweisen verlangt hätten, der streckt sein Laientum etwas zu deutlich hervor.

Es ist Hörischs Pech, dass der Wirtschaftswissenschaftler in diesem Heft, Carl Christian von Weizsäcker, ganz fern dem pfäffischen Reden ist. Weizsäcker schreibt zwar über den moralischen Anspruch der Sache ("Der Grundgedanke heißt Freiheit"), beweist dabei aber die Nüchternheit, die man von dem Fach erwartet. Auch wer seinem Verständnis von Freiheit als Wahlmöglichkeit – je mehr Wahlmöglichkeiten, desto freier – nicht zustimmen möchte, wird seine Kostenwahrheit und Kostenklarheit schätzen. Man weiß, was man bekommt und zu welchem Zweck.

Das unterscheidet den Wissenschaftler Weizsäcker von vielen anderen Beiträgern des Heftes, die wie er den Kapitalismus loben, ohne dass deutlich würde, warum sie das tun. Dass der Markt dem Plan überlegen und Freiheit ohne Privateigentum schwer vorstellbar ist, darauf wird man sich schnell einigen. Wie ernst aber ist dann die Merkur- Frage, die mit der eifrigen Verteidigung des Kapitalismus beantwortet wird? Denn mit dem Ende der Systemalternative ist der Kapitalismus zum Monopolisten der politischen Ökonomie geworden, was dem Freund des Wettbewerbs eigentlich eine schreckliche Vorstellung sein müsste. Anders gefragt: Woher kommt der Eifer für die siegreiche Sache? Wozu das Trommeln für die Fahne, bei der schon alle stehen?

Eine ganze Reihe von Autoren sind erkennbar beeindruckt von den Härten eines wettbewerblich bestimmten Lebens. Den Wunsch nach Abfederung dieser wirtschaftlichen wie seelischen Härten halten sie für Sentimentalität, stattdessen sei es die Aufgabe der Moderne, sich diesen Realitäten zu stellen – eine Haltung einzunehmen, die man vor 50 Jahren noch "männlich-ernst" genannt hätte. Wie so oft aber ist die Begeisterung für den kalten und klaren Realismus eine Schwärmerei. Die Lobreden auf den Kapitalismus, die im Merkur angestimmt werden, haben wenig mit den jüngsten Erfahrungen zu tun. Nichts darüber, was es bedeutet, dass einem Kapitalismus ohne Alternative jenes Widerspiel fehlt, das wir als Machtkontrolle in der Politik für unabdingbar halten. Nichts über den neuen Stil des Managements. Und nichts darüber, was der Kapitalismus für Arbeitnehmer bedeutet.

Um gegenwartsnahe Beobachtungen geht es bei aller Tatsachenfreude also nicht. Das ist vielleicht auch die falsche Erwartung an eine Zeitschrift, die eher der Theoriebildung als der Empirie zuneigt. Noch einmal: Was treibt das Bekenntnis zur Tatsächlichkeit an? Deutlicher wird das Motiv, wenn man bedenkt, wer im Merkur als Gegner firmiert. Es sind nämlich nicht die bürgerlichen Zweifler an der Stabilität unserer sozialen Welt, etwa Böckenförde oder Kondylis, die echte Fragen eröffnen würden. Es sind die überkommenen Linken, was nicht verwundern kann.

Was dagegen sehr verwundert, ist ein Unwille gegenüber der Kunst. Britische Gegenwartsdramatik, Berliner Volksbühne, sogar Flaubert oder Beethoven: Ihr Ungenügen an der Gegenwart, ihr Beharren auf einem gesellschaftsfeindlichen Ideal wird als utopistische Miesnickelei, als Überspanntheit entlarvt. Die Kunst, die immer von dem spricht, was nicht da ist, stört das neue Ideal, das Immanentismus heißt. Das bedeutet: So wie es gerade ist, ist es gut. Der Merkur lobt unentwegt den englischen Liberalismus, aber immer mal wieder hört man die ächzende Stimme eines viktorianischen Waisenhausvorstands. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt; wer mehr verlangt, wie Oliver Twist einen zweiten Teller Haferbrei, der wird gewiss noch an den Galgen kommen, "denken Sie an mich, der Bursche wird gewiss noch an den Galgen kommen".

Das alte linke Denken hat sich hier mit dem neuen bürgerlichen fein vermischt; Lukács und die Zerstörung der Vernunft sind wieder in diskretem Gebrauch. Überzogene Ansprüche an die Realität sind unpolitisch, und wohin das führt, weiß man ja – in die Barbarei natürlich. Michael Rutschky hat den Gedanken am deutlichsten ausgeführt. Er spricht über den Gegensatz von Gabe und Ware, von archaischer und moderner Lebensform, um darauf zur Figur des Ritters zu gleiten. Dessen Heroismus wie noch in Stalingrad sei allerdings eine Ressource, die die Bundesrepublik nicht mehr erneuern könne. Das muss nicht sein, das soll auch nicht sein. Die Ablösung ist da, durch die avancierteste Zivilisation, die amerikanische, die nicht mehr auf den Helden, sondern auf die Technik setzt.