Brüssel/Berlin

Bitte? Die Journalisten stutzen, ein Raunen geht um den Tisch in der Berliner US-Botschaft. Aber sie haben richtig gehört – Nato’s mission in Iraq is fundamental –, und der Diplomat hatte sich versprochen. Gemeint war natürlich die Isaf in Afghanistan, seit dem 11. August die erste Bündnisoperation jenseits von Europa.

So eine Freudsche Fehlleistung kann jedem mal passieren, zumal dieser Tage, da aller Aufmerksamkeit sich auf das Gerangel im UN-Sicherheitsrat um eine neue Irak-Resolution richtet. Aber wenn sie Nato-Botschafter Nicholas Burns widerfährt – vormals Sprecher des State Department, diszipliniert vom Scheitel bis zur Sohle und so unentwegt on message, dass er sogar bei einer Kurzvisite in Berlin die Presse zusammenrufen lässt –, also, dann muss der Stress in den Sichtbetonfluchten des Brüsseler Bündnishauptquartiers schon gewaltig sein.

Dafür gibt es gewisse Anhaltspunkte. Das große Reformprojekt der Nato, im November bei einem Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Prag verabschiedet, vollzieht derzeit den Schritt von der Blaupause zur Baustelle. Doch schon jetzt ist es sogar für Eingeweihte nicht immer ganz klar, ob man noch am selben Gebäudekomplex arbeitet – geschweige denn nach demselben Plan.

Im Mai 2004 bekommt die Nato 7 Neuzugänge aus Osteuropa mit Streitkräften von sehr unterschiedlicher Durchsetzungsfähigkeit (höflich formuliert). Das macht dann 26 vetoberechtigte Mitglieder. Droht da nicht Selbstblockade und Kampfkraftverlust? Doch die Anwärter werden geistesabwesend hereingewinkt – setzt euch in die Ecke, den Rest machen wir später, es gibt zurzeit noch andere Sorgen.

Schnellstmöglich muss auch ein neuer Nato-Generalsekretär gefunden sein, das Mandat des populären George Robertson endet im Dezember. Der Vorgang, sonst Anlass für ausgeklügelte Personalmanöver, wird nun still und geschäftsmäßig abgewickelt (als engere Wahl werden der holländische Außenminister Jaap de Hoop Scheffer und der kanadische Vizepremier John Manley genannt). Doch auch das ist noch eine kleine Baustelle angesichts der Großvorhaben, die der Nato in diesem Herbst bevorstehen.

In Afghanistan hat das Bündnis soeben das Kommando über die 5500 Mann starke Isaf-Truppe übernommen, nach einem Sommer, in dem sich die Sicherheitslage drastisch verschlechterte; nun steht es vor der bangen Frage, ob es von Kabul aus zuschauen soll, wie die Provinzen im Chaos versinken, oder ob es sich aus der Stadt hinauswagen kann, ja muss. Mitte Oktober dann soll die Nato Response Force (NRF), die neue schnelle Eingreiftruppe, in Dienst genommen werden – vorläufig. Der Termin könnte zur Blamage für manche werden, die großspurig Soldaten versprochen haben. Besonders viel Sprengstoff aber birgt das Verhältnis Nato – EU. Auf diesem Bauabschnitt bahnt sich ein erbitterter Konflikt an. Hier die USA (dahinter die Briten und nicht wenige besorgte Alt- und Neu-Europäer) in voll entflammter EU-Paranoia, dort die despektierlich benannte "Viererbande" (die Achse Paris – Berlin – Brüssel – Luxemburg), zu der sich sonst keiner recht bekennen mag, und sei es nur, weil von ihr ein antiamerikanisches Schwefelgerüchlein ausgeht.

Die Lage wird nicht überschaubarer dadurch, dass in maßgeblichen Hauptstädten eine Position zu diesen drei Themen entweder noch nicht existiert, in sich widersprüchlich oder Gegenstand verbissener Rangeleien zwischen Ministerien ist. Strategische Klarheit waltet allein in Paris: Europa vor. Punkt.