Als Bundesinnenminister Otto Schily im Mai dieses Jahres den Verfassungsschutzbericht vorstellte, war die Einschätzung eindeutig. "Es gibt keine rechtsterroristischen Gruppierungen", hieß es darin. "Ansätze zur Bildung entsprechender Gruppen oder Zellen waren nicht erkennbar." Seit Mittwoch vergangener Woche stimmt das nicht mehr. Die Münchner Polizei nahm eine Gruppe von Rechtsextremisten fest, die einen Anschlag auf die Baustelle des Jüdischen Gemeindezentrums geplant haben soll – möglicherweise sogar auf den Festakt am 9. November, zu dem unter anderen Johannes Rau und Edmund Stoiber eingeladen sind. Inzwischen ermittelt der Generalbundesanwalt gegen zehn Personen wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Bayerns Innenminister Günther Beckstein, CSU, sieht eine "Braune-Armee-Fraktion" im Entstehen. Damit liegt er zwar verkehrt, aber ein Grund zur Entwarnung ist das nicht, im Gegenteil: Die ultramilitante Szene, die am rechten Rand gärt, ist möglicherweise gefährlicher, sicher aber schwieriger zu verfolgen als einst die RAF. Damals gab es disziplinierte Kader in klaren Kommandostrukturen, nach denen sich gezielt fahnden ließ. Zudem steckte die RAF ein Gutteil ihrer Kraft in ideologische Traktate. Braune Terroristen dagegen agieren in autonomen Zellen, die aus einer weit verbreiteten, gewalttätigen Subkultur wachsen. Ihre Ideologie ist so militant wie amorph. Niemand kann vorhersagen, wann sie losschlagen und gegen wen.

Martin Wiese, der Hauptverdächtige von München, war einer der bekanntesten bayerischen Neonazis. Er stammt aus Vorpommern, kam vor drei Jahren nach München und wurde sofort in der Szene aktiv – bisher war es immer umgekehrt gewesen, zogen westdeutsche Kader in den Osten, bauten dort Gruppen auf. Vor zwei Jahren erlangte Wiese schon einmal traurige Berühmtheit, im Anschluss an seine Geburtstagsfeier wurde ein Grieche fast totgeprügelt. Der Fall ging durch die Medien, weil zwei Türken das Opfer retteten.

Wiese pflegt ein weites Netz von rechtsextremen Kontakten. Der Hauptverdächtige des Überfalls auf den Griechen konnte mehr als drei Wochen im Sauerland und in Holland untertauchen, wo er schließlich gefasst wurde. Im vergangenen Jahr stieg Wiese zum Anführer der Münchner Kameradschaft Süd auf, eines Kreises von etwa 25 Neonazis. Seit Mitte der neunziger Jahre wählen Rechtsextremisten diese Organisationsform, um möglichen Vereinsverboten zu entgehen. Kameradschaften verzichten auf feste Strukturen: Man kommuniziert über das Internet, trifft sich zu losen Stammtischen, verabredet Aktionen, vernetzt sich bundesweit über informelle Aktionsbüros.

Lange Zeit haben die Kameradschaften mit der NPD zusammengearbeitet – mittlerweile ist es zum Bruch gekommen. Als das Verbotsverfahren begann, hatte der Parteivorstand beschlossen, das aggressive Auftreten zu mäßigen. Das werteten die Kameradschaftler als Feigheit. Sie machen wieder ihre eigenen Aktionen, nehmen keine Rücksichten mehr auf die NPD und radikalisieren sich – wie sich in Szeneblättchen und auf einschlägigen Homepages verfolgen lässt. Bundesweit gibt es laut Verfassungsschutz derzeit 160 Kameradschaften. Ihre Anhängerschaft wächst, während die rechtsextremen Parteien rapide Mitglieder verlieren.

In diesen Kreisen hört man einpeitschenden Nazirock, es wird gesoffen bis zum Umfallen, man fantasiert über die jüdische Weltverschwörung. Kraftmeierei und die Androhung von Gewalt gehören zum guten Ton. Aus diesem Biotop wächst der alltägliche Straßenterror gegen Ausländer und Andersdenkende. Es brachte immer wieder Amokläufer wie die Polizistenmörder Michael Berger oder Kay Diesner hervor – und jetzt eben den Kreis der Münchner Bombenbauer. Die Szene ist unberechenbar, anders als einst die RAF. Das ändert auch der Einsatz zahlreicher V-Leute nicht.

Früher hieß es bei Verfassungsschützern beruhigend, einem braunen Terrorismus in Deutschland fehle das unerlässliche Sympathisantenumfeld. Es sieht aus, als ändere sich das gerade. Die Anhänger der britischen Terrorgruppe Combat 18 beispielsweise zeigen sich neuerdings offen. Die Organisation wurde Anfang der neunziger Jahre gegründet und verschickte unter anderem Briefbomben – die 18 steht für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets, die Initialen Adolf Hitlers. Kleine C18-Tätowierungen galten unter deutschen Skinheads und Neonazis schon lange als chic. Doch inzwischen wird der Code C18 auf Autokennzeichen spazieren gefahren, der Slogan der Organisation "Whatever it Takes" auf Heckscheiben geklebt. Ein alarmierendes Zeichen dürfte zudem sein, dass seit einem Jahr Zeitschriften der Organisation auch in deutscher Sprache erscheinen. Bislang musste ein Sympathisant Englisch können oder Schwedisch, nun ist der deutsche Markt offenbar schon groß genug.