N amen, die keiner mehr nennt: Das war der einprägsame Titel eines der erfolgreichsten Bücher von Marion Gräfin Dönhoff. Es erschien 1977 und handelte von einer unwiederbringlich vergangenen Welt: der ostpreußischen Heimat der langjährigen Mitherausgeberin der ZEIT. Namen, die keiner mehr nennt: Das ist auch die Überschrift eines Unterkapitels in Stephan Malinowskis Buch über sozialen Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich". Doch der Autor verwendet den Buchtitel in einem anderen Sinn als die Gräfin. Er spricht nicht von den vergessenen Namen ostpreußischer Städte und Dörfer, sondern von der Verdrängung der Tatsache, dass zahlreiche Träger großer preußischer, auch ostpreußischer Adelsnamen in der Partei Adolf Hitlers aktiv waren.

Malinowskis Vom König zum Führer, eine an der Technischen Universität Berlin entstandene, von Heinz Reif betreute Dissertation, dürfte nicht nur unter Historikern Furore machen. Der Autor räumt konsequenter als irgendjemand vor ihm mit einer Legende auf, die bereits in den fünfziger Jahren Teil eines konservativen Gründungsmythos der Bundesrepublik geworden war: der Behauptung vom unüberwindlichen Gegensatz zwischen dem preußischen Adel und dem plebejischen Nationalsozialismus – einem Gegensatz, der seinen höchsten und edelsten Ausdruck im Opfergang der Männer des 20. Juli 1944 gefunden habe. Malinowski stellt den hohen Anteil preußischer Adliger am Widerstand gegen Hitler keineswegs infrage. Aber er widerspricht, gestützt auf ein umfangreiches und sorgfältig ausgewertetes Quellenmaterial, der These von der Auflehnung "des" Adels gegen die nationalsozialistische Diktatur: Die Zahl der Adligen, die dem "Führer" bis zum bitteren Ende die Treue gehalten hätten, sei sehr viel größer gewesen als die Zahl derer, die auf seinen Sturz hinarbeiteten.

Opposition und Regimenähe bildeten keine gegeneinander abgeschotteten Welten. Auch jene preußischen Adelsfamilien, aus denen die aktivsten Frondeure gegen Hitler hervorgingen, wiesen eine hohe Anzahl von Mitgliedern der NSDAP auf: Unter den Schulenburgs etwa gab es am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübertragung an Hitler, bereits 17 Parteigenossen; bis zum Kriegsende wuchs die Zahl auf 41 an. 20 Bernstorffs, 27 Hardenbergs, 52 Schwerins, 30 Tresckows und Treskows, 43 Kleists und 14 Stülpnagels traten teils vor, teils nach 1933 der NSDAP bei. Und nicht selten waren es ehedem bekennende Nationalsozialisten, die sich im Zweiten Weltkrieg dem Widerstand anschlossen.

Statistisch stammt der typische Adlige in der NSDAP nach Malinowskis Befunden "aus dem ostelbischen Kleinadel, war männlich, jung, protestantisch, mit militärischer Vorprägung und ohne eigenen Grundbesitz". Doch nicht nur die Partei Hitlers zog Adlige an, auch der "Orden unter dem Totenkopf" tat es. 1938 waren 8,4 Prozent der Standartenführer, 14,3 Prozent der Brigadeführer, 9,8 Prozent der Gruppenführer und 18,7 Prozents der Obergruppenführer der SS Adlige. Was immer adlige "Erzählgemeinschaften" nach 1945 über ihre angeblich seit jeher gewahrte Distanz zum Nationalsozialismus zu Protokoll gaben: Der typische Adlige war in den Jahren des "Dritten Reiches" kein Widerstandskämpfer, sondern eine Stütze des Regimes.

Malinowski geht es nicht um Entlarvung, sondern um Aufklärung. Er liefert keine politische Chronique scandaleuse des deutschen Adels, sondern treibt Ursachenforschung. Warum gab es eine von der bisherigen Literatur kaum wahrgenommene, oft schlankweg geleugnete Wahlverwandtschaft zwischen Adel und Nationalsozialismus? Weshalb setzte schon um 1930 ein "Run" von Adligen zur NSDAP ein? Wie erklären sich die offenkundigen Parallelen im politischen Verhalten von Adel und altem Mittelstand, der sich um dieselbe Zeit der Bewegung Hitlers zuwandte?

Es sind solche Fragen, die Malinowski umfassend und das heißt: historisch weit ausholend, zu beantworten versucht. Dabei bleibt er sich stets bewusst, dass es "den" deutschen Adel gar nicht gab. Er unterscheidet zwischen "Grandseigneurs", "Kleinadel" und "Adelsproletariat"; er stellt dem protestantischen Adelsmilieu Ostelbiens die katholischen Adelskulturen Bayerns und Westfalens gegenüber, wobei er den bayerischen Adligen die relativ größte Ferne zum Nationalsozialismus bescheinigt; er wendet sich auch den wenigen "atypischen" Adligen zu, die sich zur Zeit der Weimarer Republik in den liberalen Parteien oder gar auf der politischen Linken, bei Sozialdemokraten und Kommunisten engagierten.

Im Vordergrund der Untersuchung steht, weil er die mit Abstand größte Gruppe stellte, der in sich überaus vielschichtige Kleinadel. Sein sozialer Abstieg war eine Folge der fortschreitenden Industrialisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert – eine Erfahrung, die er mit Teilen des handwerklichen und kaufmännischen Mittelstandes teilte. Beide Gruppen reagierten auf das Gefühl des Niedergangs mit einer Hinwendung zur nationalistischen und antisemitischen Rechten. Der Prozess der Radikalisierung war schon im Kaiserreich weit fortgeschritten, steigerte sich dann aber dramatisch im Gefolge der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Revolution von 1918/19. Keine Gruppe der deutschen Gesellschaft habe das Ende der Monarchie so sehr als eigenen Absturz erlebt wie der Adel, urteilt Malinowski. Die ganz und gar unheroische Flucht Kaiser Wilhelms II. nach Holland wurde als tiefe Schmach, ja vielfach als Verrat am Geist des alten Preußen und der Tradition des Hauses Hohenzollern empfunden; sie entzog dem Monarchismus in weiten Kreisen des Adels den Boden und trug dazu bei, dass vor allem jüngere Adlige ihre politische Heimat nicht bei den kaisertreuen Deutschnationalen, sondern bei völkischen Gruppierungen der äußersten Rechten und später bei den Nationalsozialisten suchten und fanden.

Die Deutsche Adelsgenossenschaft (DAG), der größte Zusammenschluss des deutschen Adels, rückte in den Jahren der Weimarer Republik so weit ins Lager der rechtsradikalen Republikfeinde, dass sich der durchaus konservative Reichswehrminister Wilhelm Groener 1929 genötigt sah, den Angehörigen und zivilen Beschäftigten der Reichswehr die Mitgliedschaft in der DAG zu untersagen. Schon 1920 führte die Deutsche Adelsgenossenschaft den "Arierparagraphen" ein: Wer unter seinen männlichen Vorfahren einen nach dem Jahr 1800 geborenen "Nichtarier" hatte, konnte nicht Mitglied des Verbandes sein. In das Eiserne Buch des deutschen Adels deutscher Art, kurz EDDA genannt, das erstmals 1925 erschien, wurden nur Adlige aufgenommen, die ihre arische Abstammung nachweisen konnten. Der Jude als Verkörperung jener Moderne, von der sich große Teile des Adels existenziell bedroht fühlten: Der Brückenschlag zum Nationalsozialismus fiel nicht schwer, wenn man sich diese Sichtweise zu Eigen gemacht hatte.

Der Nationalsozialismus versprach zudem "Führertum", was dem antidemokratischen Denken der meisten Adligen sehr entgegenkam. Er gab sich antibürgerlich, was ihn dem Gros des Adels und zumal des Kleinadels ebenfalls anziehend erscheinen ließ. Doch damit hob sich der Adel weniger, als Malinowski meint, vom Bürgertum ab. Die akademische Jugend, die ganz überwiegend aus bürgerlichen Familien kam, war gegen Ende der Weimarer Republik nicht weniger "antibürgerlich" eingestellt als junge Adlige. Sie war auch nicht weniger antisemitisch und vom autoritären Führergedanken fasziniert, als Malinowski dies für die deutschen Adligen und zumal die der jüngeren Generation nachweisen kann. Zumindest der Kleinadel hatte mit dem bürgerlichen Deutschland viel mehr gemein, als der Verfasser wahrhaben will.

Der älteren Lehrmeinung, ein adlig-bürgerliches "Bündnis der Eliten" habe Weimar zu Fall und Hitler an die Macht gebracht, setzt Malinowski seine Auffassung entgegen, bei der Annäherung zwischen Adel und Nationalsozialismus habe es sich um ein Bündnis der "Deklassierten aller Klassen" gehandelt. Doch die beiden Deutungen schließen sich nicht aus. Die Hinwendung großer Teile des Kleinadels zum Nationalsozialismus, die wohl noch mehr mit Abstiegsängsten als mit tatsächlichem Abstieg zu tun hatte, gehört in das Kapitel Aufstieg der NSDAP zur Massenbewegung. Was ostelbische Rittergutsbesitzer und andere Hochkonservative 1932/33 unternahmen, um dem widerstrebenden Reichspräsidenten von Hindenburg die Zustimmung zur Kanzlerschaft Hitlers abzuringen, konnten sie nur tun, weil sie über ein Privileg verfügten, das Angehörige der Machtelite auszeichnete: den Zugang zum Machthaber.

Vermutlich wird Malinowski den Vorwurf zu hören und zu lesen bekommen, er wolle den Deutschen einen der wenigen positiven Bezugspunkte in der Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 nehmen: die Erinnerung an den "Aufstand des Gewissens" vom 20. Juli 1944. Tatsächlich spricht der Autor von einem "Aufstand des schlechten Gewissens", aber er will damit nicht die moralische Größe derer schmälern, die sich unter Einsatz ihres Lebens gegen Hitler auflehnten. Gerade vor dem Hintergrund von Traditionen, die ein Arrangement zwischen Adel und Nationalsozialismus nahe legten, nötige "der widerspruchsvolle Weg einzelner Adliger in den Widerstand jedem unbefangenen Beobachter höchsten Respekt ab, während die längst etablierte Einsicht, dass die Verschwörer keine Demokraten waren, kaum erstaunen kann".

Es gibt nicht viele Erstlingsarbeiten, die gedanklich und sprachlich so ausgereift sind wie diese. Scheinbar mühelos verbindet Malinowski kultur- und sozialgeschichtliche Fragestellungen mit der Analyse politischer Prozesse. Sein Buch ist sehr viel mehr als ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Adels im 19. und 20. Jahrhundert. Noch nie ist das Scheitern des deutschen Konservativismus in Kaiserreich, Weimarer Republik und "Drittem Reich" so quellennah und so scharfsinnig dargestellt worden wie hier. "Der Untergang des Dritten Reiches fiel auch mit dem Untergang des ostelbischen Adels zusammen", schreibt Malinowski. Wer sein Buch liest, wird besser als zuvor begreifen, warum es so gekommen und 1945 zur tiefsten Zäsur der deutschen Geschichte geworden ist.