Als Fritz J. Raddatz Ende 2001 nach 25 Jahren die ZEIT verließ, da habe ihm, wie er in seinen eben erschienenen Memoiren (ZEIT Nr. 38/03) bitter vermerkt, "niemand, kein Herausgeber, kein Chefredakteur, kein Redakteur auch nur die Hand gedrückt". Wahr hingegen ist, dass kurz zuvor der ZEIT- Verlag ein großes Geburtstags- und Abschiedsfest zu seinen Ehren gegeben hatte. Im Hamburger Literaturhaus floss der Champagner, wie Raddatz in einer Reportage einmal geschrieben hat, "in Strömen". Fast die ganze Redaktion war versammelt, es gab reichlich Prominenz, es gab Dankes- und Abschiedsreden. Man trank und man lachte, man erinnerte und man verabschiedete sich.

Dass die ZEIT, deren Feuilleton er von 1977 bis 1985 geleitet hat, in seinen Erinnerungen schlecht wegkommt, mag man bedauern oder auch nicht. Interessant ist die Frage, weshalb. Die zentrale Kategorie seines Verdikts ist die Dankbarkeit. Es läuft darauf hinaus, dass er, Raddatz, dem Blatt publizistische Höhepunkte verschafft, ja, dass er es in rastloser, sich selbst nicht schonender Tätigkeit und durch das Engagement unzähliger Autoren von weltliterarischem Rang aus seiner Provinzialität herausgeführt habe. Dafür, denkt Raddatz, hätte ihm Dank gebührt, und dessen angebliches Ausbleiben kränkt ihn.

Hier liegt eine Verwechslung vor. Nehmen wir an, der Vorsitzende eines Vereins erhalte von seinen Mitgliedern die beantragte Entlastung und darüber hinaus einen besonderen Dank für die geleistete Arbeit. Der Vorsitzende wird nun, wenn er gut beraten ist, nicht den Fehler begehen, den formalen Dank als ein Votum über seine ganze Person zu betrachten – und dessen mögliches Ausbleiben als ein Vernichtungsurteil, das ihn kränken müsste. Denn die Person des Vorsitzenden ist mit seiner Funktion nicht identisch.

Die tragische Besonderheit von Raddatz besteht eben darin, dass er diesen Unterschied nie begriffen, jedenfalls nicht gemacht hat. Als er 1958 den Verlag Volk und Welt und damit zugleich die DDR verlässt, schreibt er: "Das Spiel war aus. Doch ein Spiel war es nicht gewesen. Vielmehr Hinwendung, Zuwendung gar voller Elan, Leidenschaft und ein Angebot der Treue. Dass die Welt derlei nicht lohnen mag, habe ich spät gelernt. Galt es doch noch zwei Mal in meinem Leben, diese Erfahrung zu machen: Die Rowohlt-Zeit und die ZEIT- Zeit." Da sieht sich ein Ich von der "Welt" betrogen. Es bot Treue und erntete Verrat.

Das klingt grandios und erhaben, aber es ist ein Missverständnis. Denn leicht ließe sich, so gedacht, die Figur umkehren: Müsste nicht Raddatz dankbar dafür sein, dass die ZEIT ihm ein Podium zur Verfügung gestellt hat? Dankbarkeit aber ist eine persönliche Tugend, die für das Verhältnis von Menschen untereinander, nicht aber für das Verhältnis von Mensch und Institution bedeutungsvoll ist. Sie einzuklagen erinnert an die fatale Frage: "Liebst du mich?" Institutionen (soziologisch gesehen ist ein Zeitungsverlag ebenso eine Institution wie eine Universität oder ein Gesangsverein), Institutionen müssen, um Bestand zu haben, auf dem Unterschied zwischen Funktion und Person beharren. Damit schützen sie auch die in ihr Beschäftigten. Äquivalent für deren Tätigkeit ist üblicherweise das Gehalt; Sekretärin, Dienstwagen, Prestige und andere Gratifikationen mögen bei wachsendem Rang hinzukommen. Dankbarkeit kann auf Betriebsfeiern oder sonstwo eine Rolle spielen, aber sie ist sekundär.

"Ein Heimstätte für die Arbeit, nicht für die Person"

Fritz J. Raddatz jedoch ist nicht der Einzige, dem diese Kategorienverwechslung unterläuft. Marcel Reich-Ranicki macht in seiner 1999 erschienenen Autobiografie der ZEIT den Vorwurf, sie habe ihn "ausgegrenzt". Zwar habe er über 14 Jahre hinweg die bedeutendsten Neuerscheinungen besprechen dürfen, seine Rezensionen von oft beträchtlicher Länge seien gerne und rasch gedruckt worden, ihn selber jedoch habe man nicht in der Redaktion haben wollen. "Wonach ich mich sehnte, das hatte ich gefunden: eine Heimstätte – allerdings nur für meine Arbeit, nicht für meine Person." Auch hier ein Angebot der Hinwendung, Zuwendung gar, das von der Institution ausgeschlagen wurde. Die "Heimstätte" hätte darin bestanden, dass die Wertschätzung, die die ZEIT seinen Texten entgegenbrachte, sich auch auf die Person erstreckt, dass man ihm also eine Redakteursstelle angeboten hätte.

Im Dezember 1973 wurde Reich-Ranicki Literaturchef der FAZ . Der erste Tag sei durchaus nicht angenehm gewesen. "Das mir zugeteilte Zimmer war verwahrlost, das Mobiliar in einem erbärmlichen Zustand." Da ging es ihm nicht besser als wenig später Raddatz, der, als er im Januar 1977 Feuilletonchef der ZEIT wurde, sein Zimmer einen "Käfig" nannte: "durchgewetzte Ikea-Möbel und Kunstdrucke an der Wand". Und nicht einmal ein Blumenstrauß zum Dienstantritt.