Lothar Späth hatte das Prachtkind aus der Taufe gehoben. Es sollte ein Aushängeschild werden fürs Ländle, ein weltweit einzigartiges Frühwarnsystem, das die Risiken neuer Techniken vorzeitig erkennen und entschärfen hilft. Sein klangvoller Name: Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg. Geburts- und Heimatort: Stuttgart. Rufname: TA-Akademie. Alimente: rund zwölf Millionen Mark jährlich, zu entrichten vom Frühjahr 1992 an. Damals ein Taschengeld aus prallem Landessack. Heute herrscht im gleichen Staatssäckel Hochvakuum. Und das Wunschkind ist ein Trauerfall. Zu seinem zehnten Geburtstag im Frühjahr 2002 erschollen noch ministerielle Lobreden. Ende 2002 starb es plötzlich und unerwartet an radikalem Mittelentzug. Derzeit läuft die Schlussphase der stillen Beerdigung. Im Dezember 2003 endet die Existenz der TA-Akademie.

Kapitän auf dem sinkenden Schiff ist Ortwin Renn als Leitender Direktor der Akademie. Er gilt als deutscher Risikopapst, war langjähriger Präsident der Europäischen Gesellschaft für Risikoforschung. Fragt sich nur: Wie gerät ausgerechnet ein solcher Mann in diesen Schlamassel? Hat in Renns weltweit einzigartigem Frühwarnsystem der Sensor gefehlt für den eigenen Untergang? Wie steckt er dies weg, und was wird aus seinen 80 Mitarbeitern?

"Fangen wir beim Wichtigsten an: Ich hoffe, dass wir ganz ohne Kündigungen auskommen", sagt Ortwin Renn. Für etwa die Hälfte der Belegschaft sei bereits eine Lösung gefunden. "Für die Übrigen wird es jetzt sehr viel schwieriger." Viele haben unbefristete Verträge, doch keine Universität stellt noch wissenschaftliche Mitarbeiter auf Lebenszeit ein. "Da gilt es, Kompromisse zu schließen", sagt er. Und lobt die Hand, die ihn prügelt: "Das Land hilft sehr bei sozialverträglichen Lösungen."

Seine eigene Belastung überspielt er rasch ("Klar leide ich darunter, aber zum Glück unterstützt mich unsere Verwaltung sehr bei der Abwicklung"). Er ist ein ausgefuchster Kommunikator und lebt, was er predigt: dass in der Risikokommunikation Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Empathie wichtig sind, dass sich der Mediator zurückhält. Ja, es ist hektisch derzeit. Deshalb hat er auch unser Gespräch auf seinen letzten Urlaubstag vorverlegt.

Renn ist gerade mit seiner Frau zurück vom Campen in der Bretagne. Vor seinem Haus in Waldenbuch nahe Stuttgart steht ein kleiner Campingwagen. An der Haustür kündet ein Holzschild "Regina Renn, Psychologische Praxis". Seine Frau ist diplomierte Psychoanalytikerin. "Nach C. G. Jung. Aber nicht ideologisch", lacht sie. Sie könnte einem Ferienprospekt entsprungen sein, sportlich, blond, braun gebrannt. Er wirkt daneben grau. Grau melierter Bart und Schopf, blasser Teint, leicht gebeugt, als hätte er im Campingwagen Akten studiert.

Bald werden auf der Dachterrasse unterm Sonnenschirm Risiken und Nebenwirkungen der Risikoforschung so ausführlich erörtert, dass darüber die Mittagszeit vergeht und die anvisierte Küche im benachbarten Gasthof längst geschlossen ist. Auch der angepeilte Spaziergang entfällt. Doch es ist nie langweilig, Ortwin Renn zuzuhören. Er redet fast druckreif, quer durch alle Fakultäten: Studiert hat er Volkswirtschaft und Soziologie in Köln, promoviert über die Wahrnehmung technischer Risiken in der Bevölkerung. Nebenbei lernte er Journalismus am Institut für Publizistik.

Seine Kommunikator-Karriere begann in der Presseabteilung des Forschungszentrums Jülich. Da lernte er naturwissenschaftliche und technische Forschung gründlich kennen. Doch bald forschte er selbst in Jülich, avancierte zum Leiter der Abteilung Mensch und Technik. Der nächste Sprung führte ihn, seine Frau und die drei Kinder in die USA ("Die reden heute noch untereinander Englisch"). Dort wurde er an der Clark University in Worcester bei Boston Professor für Umwelt, Technik und Gesellschaft. Die Rückkehr nach Europa führte ihn an die ETH Zürich, seine Frau ans C.G.Jung-Institut in Küsnacht. Mit ihrer Fachkenntnis kann sie ihm oft helfen. "Aber für unsere Kinder war es ein schulisches Trauma." Die Eingangsprüfung attestierte einer hellwachen Tochter Sonderschulreife. Von den Risiken des Matheunterrichts auf Schweizerdeutsch erlöste sie ein Ruf für Papa nach Stuttgart.

"Wie bei den zehn kleinen Negerlein"