Wie wird ein Forscher damit fertig, dass jedermann auf seinem Forschungsobjekt herumtrampelt? Er freut sich darüber. Gerd Wessolek hat Böden zu seiner wissenschaftlichen Passion erkoren. Vor kurzem hat er gar eine Projektgruppe "Kunst und Boden" ins Leben gerufen – darin richten Wissenschaftler und Künstler gemeinsam den Blick nach unten. Besonders städtisches Straßenpflaster hat es dem Bodenforscher der Technischen Universität Berlin angetan. Seit ungefähr einem Jahr gilt sein wissenschaftliches Interesse einem bislang völlig vernachlässigten Aspekt des Themas: den Ritzen zwischen Kopfsteinpflaster und Gehwegplatten.

Denn dort sammelt sich im Laufe der Zeit so allerlei an: Im Herbst kompostiert fallendes Laub in den Fugen, im Frühjahr und Sommer bleiben im Kopfsteinpflaster hochhackige Schuhabsätze stecken, ganzjährig vergammeln dort diverse Sorten von Getränke- und Lebensmittelresten nebst Hundekot und Menschenurin, Kaugummis, Zigarettenkippen und anderen Überbleibseln des Straßenalltags. Kurz: Der Ritzendreck kündet von der urbanen Kulturgeschichte. Dennoch fristete das Thema bislang eine akademische Nischenexistenz. Nun wird es erstmals umfassend im Rahmen eines größeren, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderten Projektes an der TU Berlin untersucht.

Auf den Begriff "Ritzendreck" reagiert Wessolek allerdings empfindlich. Es handele sich dabei, korrigiert er, um "Ablagerungen in teilversiegelten Böden". Und das ist ein weites Forschungsfeld – allein in Berlin gibt es ungefähr 200 Quadratkilometer gepflasterte Straßen, Plätze und Gehwegplatten. Das entspricht einer Fläche von etwa 40000 Fußballfeldern. Und überall dort, so betont Wessolek, seien die Ritzen und Fugen für den kompletten Stoffaustausch zwischen Boden und oberirdischer Welt zuständig – ein Vorgang, der unbedingt wissenschaftliche Aufmerksamkeit verdient.

So untersuchen Wessolek und seine Mitarbeiter beispielsweise, wie schnell Wasser durch Pflasterfugen fließt und welche Wege es in Richtung Grundwasser nimmt. Dazu kippen sie gefärbtes Wasser auf die Straße und stoppen die Zeit, die es zum Versickern braucht. Wenn sie tags darauf die Pflasterdecke abnehmen, finden sie bizarre Farbmuster im Boden. Denn die benutzte Lebensmittelfarbe hat sich überall entlang der Fließwege abgesetzt. Um den vollständigen Lauf des Wassers zu rekonstruieren, fotografieren die Forscher den Boden, schaben fünf Zentimeter ab, knipsen wieder ein Foto und so fort.

Filterfunktion für Schwermetalle

Später werden die Farbmuster, die in den einzelnen Bodenschichten zu finden sind, im Computer übereinander projiziert und zu einem dreidimensionalen Modell zusammengesetzt. "Außerdem entnehmen wir bei solchen Versuchen auch Bodenproben aus den Pflasterfugen", erläutert Thomas Nehls, Doktorand am Institut für Ökologie und Biologie der TU Berlin, "damit wird die Porengröße des Bodens bestimmt und ermittelt, wie gut er Wasser speichern kann." Der oberste Zentimeter Fugenboden sei immer deutlich dunkler als die darunter befindliche Erde, sagt Nehls, "das liegt an den zahlreichen organischen Substanzen darin – und an dem Brikettstaub, der in die Fugen fiel, wenn die Leute früher ihre Kohlen geliefert bekamen". Ritzendreck hat ein langes Erinnerungsvermögen.

Die Ritzen und Fugen der "teilversiegelten Böden" sind durchsetzt mit phosphathaltigen Verbindungen; sie enthalten Humus und Nährstoffe. Doch nicht nur das: Sie sind außerdem stark mit Schadstoffen belastet. Zwischen dem Kopfsteinpflaster einer stark befahrenen Straße reichern sich über Jahre hinweg Verbrennungsprodukte und Blei aus den Abgasen an, Kupferabrieb aus Bremsbelägen, feinste Gummipartikel und Zink aus den Reifen sowie Öl und Benzin, das aus parkenden Autos tropft. Dabei zeigen sich auch historische Unterschiede: Die Westberliner Pflasterfugen sind, im Gegensatz zum Ostteil der Stadt, stark mit Blei belastet. Daran lässt sich zum Beispiel ablesen, dass die Verkehrsdichte im Westen schon immer sehr hoch und das getankte Benzin früher bleihaltig war. "Im Grunde genommen", sagt Wessolek, "ist die Erde in den Pflasterfugen Sondermüll." Die Schwermetall-Belastung im Fugendreck sei ähnlich hoch wie auf den Entsorgungsflächen von ehemaligen Rieselfeldern.

Da drängt sich sofort die Frage auf: Wo landet dieser ganze Sondermüll? Werden die Schwermetalle nicht bei jedem absickernden Regenguss ins Grundwasser gespült? Die Ritzenforscher geben Entwarnung. "Eine Gefahr fürs Grundwasser sind Pflasterfugen eher nicht", sagt Wessolek, "in größeren Bodentiefen finden wir keine nennenswert erhöhten Schwermetallbelastungen mehr." Denn der Ritzendreck wirke zugleich wie ein Filter, der die Schwermetalle zurückhält.