Eines Tages vor sehr vielen Jahren ging ich in die Buchhandlung C. Boysen, Hamburg, Große Bleichen, und bestellte die Werke von Theodor Storm. Vier Bände, die erste große Investition in die Leselust, die Auslieferung zog sich über ein gutes Jahr hin. Warum wollte ich Theodor Storm haben, nicht geliehen, sondern zum Wiederlesen? Bei Kleist war ich noch nicht angekommen, Johann Peter Hebel war (und blieb) mir fern, aber Husum, Storms "graue Stadt am Meer", durch die wir im Sommer auf dem Weg nach Sylt fuhren, war mir nahe. Oder besser: die Landschaft und das Meer, der Sturm und der Nebel, die Farben, Geräusche und Aromen der Nordsee, des Wattenmeers, der Flutkante, der Heide. In Storms Geschichten ist all das nicht Requisite, sondern es prägt das Leben der Menschen, bestimmt es schicksalhaft, manchmal bis zur Zerstörung. Wie zum Beispiel im Schimmelreiter. Dass es seine letzte Novelle war, er sie gegen seine Krankheit durchsetzen musste und sie erst 1888, im Jahr seines Todes, vollendete, könnte der Stoff sein für eine Novelle von Storm.

Mit keiner seiner Geschichten hat Storm das Terrain seiner Heimat verlassen – im Gegensatz zu ihm selbst. Weil der in Husum praktizierende Rechtsanwalt sich weigerte, den Amtseid als dänischer Untertan zu leisten, musste er emigrieren und lebte von 1853 bis 1864 erst in Potsdam, dann in Heiligenstadt. Sehnsucht, das Schlüsselwort der Romantik und in diesem Zusammenhang auch ein Lockruf der Ferne, dominiert auch die Gefühlslage der Stormschen Novellen, aber hier ist es eine rückwärts gewandte, meist wehmütige Empfindung. Fast alle Novellen von Storm spielen in einer mehr oder minder exakt benannten Vergangenheit, der ein in Erinnerung Versunkener hinterhergrübelt oder die ein Nachkomme beim Kramen auf dem Boden eines Hauses entdeckt. Den Schimmelreiter hat Storm sogar in eine doppelte Rahmenerzählung gefasst, vielleicht, um dadurch sowohl die Spannung zu steigern wie auch den metaphorischen Anspruch deutlich zu machen. Denn wo in seinen anderen Novellen ein irrlichternder Spuk durch das Haus geistert, eine verlorene Liebe aus der Abenddämmerung steigt oder eine frühe Schuld sich langsam zusammenreimt, da ist im Schimmelreiter der Grundkonflikt des Lebens an der Küste das Thema: die Auseinandersetzung der Menschen mit dem Meer. Die aber beginnt mit jeder Sturmflut neu.

Die Geschichte ist einfach: Hauke Haien, der lernbegierige, aber auch trotzige Sohn eines Bauern, wird Kleinknecht beim Deichgrafen. Hier erledigt er nicht nur die tägliche Arbeit, sondern vermag durch seine Rechenkünste und scharfe Beobachtungsgabe auch bei der Deichbetreuung zu helfen. Elke heißt die Tochter des Deichgrafen, sie hat ein bräunliches, schmales Antlitz und kluge Augen, und nach dem Tod des Vaters wird Hauke ihr Mann und der neue Deichgraf. Gegen den Widerstand eines früheren Konkurrenten und die Mehrheit der Dorfbewohner setzt er den Bau eines von ihm berechneten neuen Deiches durch, der Landsicherung und Landgewinnung in einem bedeutet. Eine einsame, nur mit seiner Frau geteilte Anstrengung, die seine Kräfte reduziert. Er willigt ein, eine Schwachstelle am Winkel der Zusammenführung des alten und neuen Deiches nur oberflächlich zu reparieren, und wird in dem Moment, als er diesen Entschluss bereut und korrigieren will, von einem heulenden Oktobersturm und einer gewaltigen Springflut überrascht. Auf seinem Schimmel jagt er zum Deich, wo die Männer aus dem Dorf mit einem Durchstich des neuen Deiches den alten retten wollen. Er will sie daran hindern und den neuen Koog retten, als alle wie gelähmt auf die Stelle starren, wo das tobende Meer die Nahtstelle der zwei Deiche durchbrochen hat. Hauke Haien jagt auf seinem Schimmel zum Unglücksort und stürzt mit dem abbrechenden Deich in die Tiefe.

Im Schimmelreiter gibt es kein Psychologisieren, wenig Zwischentöne und viel Schweigen. Dafür aber eine Nebenwelt von Spuk, Aberglauben und vielsagenden kleinen Vorfällen. Storms Kunst ist es, das eine mit dem anderen zu hinterfangen, und dabei ist der Spuk oft intensiver als die etwas holzschnittartige reale Welt. Das Besondere an dieser Novelle aber ist ihre sich steigernde Dramatik, mit der sich auch die Sprache beschleunigt und steigert. Im zerstörenden Sturm findet alles seinen Höhepunkt. Wenn er abgeflaut ist und das Menschenwerk vernichtet, bleibt die alte, neue Frage nach dem Einzelnen und der Masse, dem Dilemma zwischen Innovation und Beharrung. Und es bleibt ein Eintrag auf der Landkarte in Nordfriesland: der Hauke-Haien-Koog.