Die Verwirrung dauert einen Augenaufschlag: Amerika oder Saudi-Arabien? Graue Türme im Dunst, dicht gepackt. Was da in der Heißluft von knapp 50 Grad am Ufer des Golfes flimmert, sieht aus wie das Weichbild Manhattans. Dabei ist es Saudi-Arabiens stählerne Schatztruhe – die Ölanlagen am Arabischen Golf –, wie die Saudis den schmalen Meeresarm zwischen ihrem Land und dem Iran nennen.

Direkt am Wasser steht die Raffinerie von Ras Tanura. 15 große Werke und 10 kleinere Ölfabriken breiten sich aus in einem Gebiet, auf dem Castrop-Rauxel bequem Platz hätte. Kathedralen aus Metallquadern und Stahlskeletten, verchromten Zylindern und Rohrleitungen. Der Gigant Ras Tanura wird gespeist aus dem größten Ölfeld der Welt, das bis fast an die Küste reicht: Ghawar. Die Ölfirma, die das Öl fördert, durch eigene Pipelines leitet und weiterverarbeitet, ist nach der Förderleistung die größte der Welt: Saudi Aramco. Man liebt die Superlative in Saudi-Arabien – wie in Amerika.

Der staatliche Ölkonzern Saudi-Arabiens scheint allmächtig und schier unangreifbar. Von den global operierenden Energieriesen ist Saudi Aramco der Einzige, der für sich allein wirksam Ölpreise drücken oder nach oben treiben kann. Er verfügt über ein Viertel der nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Kein Land, kein Konzern kann sich auch nur annähernd daran messen.

Die Förderanlagen des Ölriesen werden von der gesamten saudischen Armee geschützt. Und dennoch ist Saudi Aramco verwundbar, könnte seine Prosperität langfristig gefährdet sein.

Seit dem amerikanischen Einmarsch in Bagdad starren die Golfanrainer auf den Irak. Dieses Land hat fast halb so viele Rohölvorkommen wie Saudi-Arabien und nimmt damit Platz zwei in der Weltrangliste der nachgewiesenen Reserven ein. Könnten massive Ölexporte Iraks die Stellung Saudi Aramcos unterspülen?

Derzeit steht der schwarze Marmorpalast, das Konzern-Hauptquartier, noch recht massiv im Wüstensand von Damman. Drinnen gibt sich Abdulaziz al-Khayyal ob der Frage amüsiert. "Gewiss, gewiss, der Irak hat große Vorkommen, aber sie sind leider auf viele kleine Felder verteilt", sagt der Senior Vice President des Konzerns mit einem Lächeln. Wenn der Irak auch nur ein Drittel der saudischen Tagesproduktion erreichen wolle, brauche das titanische Anstrengungen. "Es gehen viele Jahre ins Land, bis sie dort eine so moderne Infrastruktur aufgebaut haben wie wir." Gelassenheit ist die saudische Antwort auf den Irak.

Im Palisanderholzbüro des Ölministers steht eine Kollektion bemerkenswert roter Sitzgarnituren. Ali Ibrahim Naimi hat sich in einer Ecke zwischen mehreren Telefonen postiert. Fragen nach dem Aufstieg des Konkurrenten Irak pariert auch er lässig. "Der Weltmarkt für Öl wächst ständig. Deshalb wird auch der Irak zukünftig gebraucht", sagt der hagere Mann, der so gar nicht wie der typisch füllige Ölscheich aussieht. Und Russland, das von US-Strategen gemeinsam mit Irak und Westafrika zur kombinierten Ersatzpackung für saudisches Öl hochgerechnet wird? "Hat auch seinen Platz", sagt Naimi. "Heute produzieren wir 77 Millionen Barrel pro Tag, im Jahr 2020 wird der Markt über 100 Millionen verschlingen – wenn Russland und Afrika mehr produzieren, werden sie Abnehmer finden. Wie wir."

Saudi-Arabien gehe es nicht darum, Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen. "Unsere Prioritäten sind: die Ölindustrie mit erstklassiger Ingenieurskunst auszubauen und unseren Vorsprung mit einer ständigen Überschusskapazität zu erhalten." So heißt das Zauberwort der saudischen Macht. "Überschusskapazität" bezeichnet die Fähigkeit Saudi-Arabiens, jederzeit neben den 8 Millionen Fass à 159 Liter (Barrel) pro Tag weitere 2,5 Millionen Fass zusätzlich produzieren zu können. Das erlaubt Saudi Aramco und der Regierung in Riad die Feineinstellung der Ölpreise in London und New York – wenn es nötig erscheint. So geschehen, als zu Beginn des Jahres der Produzent Venezuela ausfiel, und erneut, als Spekulanten vor dem Irak-Krieg den Ölpreis in die Höhe jagten. Saudi-Arabien drehte kurz den Hahn auf, schon fielen die Preise.