Bayern sind Feinschmecker. Woher ich das weiß? Ich habe jahrelang unter ihnen gelebt, und sie haben mir kein Haar gekrümmt. Meine Haare sind lediglich weiß geworden. Weiß wie die Weißwurst, der Bayern oberste Göttin. Die zutzeln sie aus der Haut, so wie die Bretonen die Austern aus der Schale schlürfen.

Mit dem Unterschied, dass die Bretonen kein Löwenbräu zu den Austern trinken. Aber kultig ist die Weißwurst allemal. Vorwiegend zutzeln sie (die Bayern, nicht die Bretonen) in Bierkellern, wo sie ihre Hummtata-Folklore pflegen.

Dabei spielt Senf eine große Rolle. Er hat keine Ähnlichkeit mit dem, was andere Volksstämme Senf nennen. Er ist nicht gelb und nicht scharf, sondern süßlich und mit einer Tarnfarbe versehen, unter welcher sogar ein flüchtiger Beobachter keine Feigenmarmelade vermuten würde, welche meistens auch nicht zusammen mit Weißwürsten auftritt.

Überhaupt achten bayerische Gourmets darauf, nicht mit anderen Gourmets (zum Beispiel Nichtbayern) gesehen zu werden. Deshalb meiden sie Feinschmeckerrestaurants, von denen es speziell in München nicht wenige gegeben hat, was man eines Tages auch von Berlin sagen wird.

Dass Bayern Feinschmecker sind, sieht man etwa an ihrem Einsatz für das Reinheitsgebot des deutschen Bieres. Daran glauben sie wie an die unbefleckte Empfängnis der Heiligen Jungfrau, der sie mehr Gedenktafeln errichtet haben als die Belgier Straßenlaternen an ihren Autobahnen.

Die Belgier kommen immer ins Spiel, wenn von Bayern die Rede ist. Das liegt am Bier, von dem die Belgier angeblich mehr trinken können als die Bayern. Es ist allerdings fraglich, ob sie deshalb automatisch zu den Feinschmeckern gehören; denn sie trinken bekanntlich kein bayerisches Bier.

Wenn es etwas gibt, das den letzten Zweifel an der Zugehörigkeit der Bayern zur Gilde der Feinschmecker ausräumt, dann ist es der Leberkäs, der im Voralpenland die Stelle einnimmt, die bei den Amerikanern der Big Mac besetzt. Noch nicht so weit gereiste Norddeutsche werden eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Labskaus feststellen.

Meisterköche, um endlich von diesem urbayerischen Volksstamm zu sprechen, gab es in München viel früher als in anderen deutschen Städten. Die Witzigmanns, Winklers, Wodarz’, Kochs und Bieslers haben die Stadt an der Isar zum gastronomischen Zentrum der Neuen Küche gemacht und sind bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder aus München verschwunden. Der eine gab auf, weil er sich gegen die Haxnbraterei auf dem Oktoberfest nicht durchsetzen konnte, dem anderen war das Interesse der Drogenpolizei an seinem Privatleben zu lästig.

Außerdem gibt es noch den Föhn. Ihm verdanken die Bayern jene Unzurechnungsfähigkeit, die Politiker von Schmiergeldskandalen freispricht sowie von ihrer Kollektivsünde, dem Fahren mit mehr als 2,0 Promille.

Da die Bayern schrill katholisch sind, können sie auf ihrer kulinarischen Habenseite noch das Abendmahl verbuchen, wozu trocken gegrillte Steckerlfische ebenso gehören wie die heilige Salzbrezel. Mit den Fischen locken sie Touristen in ihre schönen Seen, wo sie bereits einen König liegen haben. Die Brezeln werden gern auf den Stufen der Feldherrnhalle gegessen, die einen anderen bayerischen Anführer berühmt gemacht haben. Dicht daneben, in den Pfälzer Weinstuben, hat die Münchner Boheme um 1970 das Weintrinken gelernt, wofür sie aus der Stadt gejagt wurde, ohne dass einem von ihnen, wie ich eingangs erwähnte, ein Haar gekrümmt wurde.