Die Lokalpatrioten unter den Weintrinkern sind manchmal zu beneiden. Sie trinken den Wein ihrer Region und bleiben dabei bis an ihr Lebensende. Sie wissen zwar, dass es gute und schlechte Jahrgänge gibt, aber dass es so viele andere Weine aus anderen Regionen gibt, das interessiert sie nicht. Sie gehen in ihre Lieblingskneipe und bestellen ihren Lieblingswein, den Schoppen von der lokalen Winzergenossenschaft. So werden sie nie enttäuscht in ihrer Erwartung, weil sie nichts anderes erwarten als den Wein, den sie schon seit Jahren trinken.

Diese Haltung lässt sich mit Bibelstellen ebenso rechtfertigen wie mit Zitaten der Denker und Dichter.

Mit den Ansprüchen des gehobenen Konsums schon weniger. Denn da verzichtet einer (es sind in Wahrheit Millionen, die es ihm gleichtun) auf die Vielfalt der Genüsse, die einem Weinfreund zur Verfügung stehen. In allen Ecken der Welt scheint es den Weinbauern nur darum zu gehen, uns verwöhnten Europäern exzellente Tropfen zu liefern. Ob sie die in Chile keltern oder in Neuseeland, spielt für unseren Markt keine Rolle. Es wird alles getrunken, was nur einigermaßen gelingt. Bald werden wir erfahren, dass auch die Chinesen mit Rebsorten, die schon in der Chin-Dynastie…

Jedenfalls stehen uns Überraschungen bevor.

Nehmen wir den Zinfandel von gestern Mittag. Das ist eine Rebsorte, die es nur im Napa Valley in Kalifornien und in Australien gibt. Sie scheint entfernt verwandt zu sein mit dem Syrah: das gleiche Blaurot in der Jugend, eine ähnliche Fruchtigkeit.

Gestern also stand so eine Flasche auf dem Tisch. Ich hatte sie zur Lammschulter ausgesucht. Der Wein war beim ersten Schluck wunderbar fruchtig, was bedeutet, dass sich auf der Zungenspitze die Aromen von Himbeeren und Johannisbeeren um die Poleposition stritten. Ich registrierte auch eine spitze Säure. Aber sie und alles andere – sofern andere Komponenten überhaupt existierten – wurde überdeckt durch eine, nun ja: wohltuende Milde.

Ein Blick aufs Etikett gab Auskunft über deren Herkunft: "15,6 % Alkohol". Dass ich "Milde" mit dem Adjektiv "wohltuend" bezeichne, muss irritieren. Denn normalerweise ist Milde bei allen Lebensmitteln ein populistischer Begriff, eine Konzession an den unerfahrenen Verbraucher. Beim Wein bedeutet Milde Süffigkeit, gleichzeitig aber mangelnder Charakter, das Fehlen von Individualität.