Mithilfe des Fernsehens werden wir immer klüger und härter, und das ist in diesen Zeiten des rasanten Subventionsabbaus in der Landwirtschaft auch nötig, wie denn auch nach dem EU-Beitritt Polens unsere ostdeutschen Latifundien von billigen Landarbeiterhorden geradezu überschwemmt zu werden drohen.

Die Serie Schwarzwaldhaus 1902 zeigte uns vor ein paar Monaten, wie wir unter Aufbietung aller Kräfte die Natur beherrschen können, wenn sie uns zu beherrschen droht. Und jetzt noch erbarmungsloser: Es kommt 1900 – Leben im Gutshaus : noch mehr living history, noch mehr Heroismus für die couch potatoes, der ultimative Kraftakt des Überlebens und die äußerste Steigerung des Exotischen: Fünfzehn Bundesbürger werden das Experiment sozialer Hierarchie wagen, so richtig mit oben und unten, Herrschen und Dienen, mit gepflegter aristokratischer Langeweile und ohne Spülmaschine.

Sechzehn Folgen im Vorabendprogramm der ARD: Im November 2004 wird die goldene Zeit des ostelbischen Landlebens wiederauferstehen, wir freuen uns auf malerische Hurras auf SM Willem Zwo, auf profunde Gespräche über die soziale Frage wie bei Fontane im Stechlin, vielleicht kommt Hindenburg mal vorbei, der 1900 einer großen Zukunft entgegensieht, unten in der Küche menschelt es wie bei Eaton Place, oben knistert’s wie bei den Guldenburgs. Leider dauern die Dreharbeiten nur ein halbes Jahr, sodass wir die Niederkunft des Dienstmädchens nicht mehr erleben werden.

Das Casting hat unterdessen begonnen: Ein soziologisches Oberseminar der Uni Dortmund möchte als Gruppe von Leibeigenen mitspielen, musste aber hören, dass die Produktionsgesellschaft nur ein Haus in Mecklenburg-Vorpommern angemietet hat, nicht jedoch die dazugehörenden Äcker. Redakteure der Tageszeitung Die Welt sollen sich bereits, unabhängig voneinander, als Junker beworben haben, wurden aber allesamt dem Gesinde zugeschlagen. Die Sache wird Deutschland bewegen. Günter Grass protestiert lautstark gegen das verzerrte Bild des Kaschuben in dieser Serie, hingegen schreibt Günther de Bruyn eine zwölfseitige, hymnische Rezension in der Zeitschrift Sinn und Form.

Haben konservative Historiker nicht schon vor Jahren von der "Rückkehr der Geschichte" geraunt? Jetzt ist sie da, als unerbittliche living history. Sie lehrt uns, historia magistra vitae, mores und zeigt uns, wo wir stehen. Es wird geschuftet und gestickt, der Kies in der Auffahrt ist geharkt, leere Mädchenblicke ergießen sich vom Wintergarten aus in den verregneten Park.

Am Schluss, so die Produktionsgesellschaft, folgt der Höhepunkt, der Ball. Es wird wundervoll, das ganze Dorf ist eingeladen. Und vielleicht sind auch die Hannoveraner mit von der Partie. Die letzte Einstellung von 1900 – Leben im Gutshaus: Wir sehen noch, wie die Faust des Welfenprinzen auf die Kamera zufliegt. Dann schwarz. Zum Glück kommt gleich die Werbung.