Der letzte Spieltag ist sein bester. Da kann er noch einmal in die Vollen gehen, da bricht es aus ihm heraus. Am letzten Spieltag ist der 1. FC Nürnberg immer in Gefahr abzusteigen, und Günther Koch ist jedes Mal darauf gefasst. Der 30. Mai 1999 hat sich ihm für immer eingebrannt. "Ich pack das nicht, ich halt das nicht mehr aus!", schrie er ins Mikrofon – Frankfurt, der direkte Konkurrent, schoss in seinem Heimspiel Tor um Tor, während die Nürnberger gegen Freiburg zurücklagen und überhaupt nicht zu merken schienen, wie nah sie am Abgrund waren. "Wo bleibt eure Ehre?", fragte Günther Koch, kurz vor den Tränen. Und Manni Breukmann, der Kollege vom Westdeutschen Rundfunk, sprach in der Konferenzschaltung Koch sein Beileid aus.

Am letzten Spieltag wird abgerechnet. Da ist die Spannung am größten. Und Günther Koch bietet dieser Spannung Paroli. Er hat die Fußballreportage in Deutschland neu erfunden. Er hat sie in eine Kunstform überführt, in ein ästhetisches Konstrukt aus Hörspiel und Rhythmusstück, aus abrupten Szenenwechseln und halsbrecherischen Monologstrecken. In diesem Jahr, am 24.Mai, dem letzten Spieltag der Saison, war der 1. FCNürnberg schon so gut wie abgestiegen. An den kleinen Strohhalm der Hoffnung glaubte niemand mehr – selbst Günther Koch nicht, der sonst aus einem Strohhalm einen Trichter machen kann, einen Trichter aus Nürnberg, wie er vermutlich sagen würde.

Nürnberg ist dann auch abgestiegen, und vielleicht war es für Günther Koch das letzte Spiel, das er kommentieren durfte. Er hatte etwas getan, für das ihm die Mikrofone des Bayerischen Rundfunks für immer verwehrt werden könnten: Er kandidiert für die SPD bei den bayerischen Landtagswahlen.

Vermutlich hat er unterschätzt, was das heißt. In Bayern ist die SPD etwas ganz anderes als anderswo in Deutschland. In Bayern gelten selbst solche, die ganz bieder und brav sind, aber aus irgendwelchen masochistischen Gründen in der SPD, als Querköpfe, als Anarchisten, als sture Dagegenhalter. Das Verblüffende ist: In Günther Koch haben sie einen, der wirklich so ist. Unvergesslich, wie er reagierte, als Gerd Rubenbauer, die ewig siegesgewisse Stimme Bayern Münchens, einmal aus dem Olympiasstadion zum 1.FC Nürnberg und Günther Koch schaltete mit den Worten: "Von Bayern 1 zu Bayern 2", und Koch, die Programmstruktur des Bayerischen Rundfunks aufnehmend, anhob: "Hier ist Bayern 2, das Programm für die qualifizierte Minderheit!"

Wenn Koch einmal für etwas steht, dann weicht er nicht mehr zurück. Aktive Parteipolitik hat er selten betrieben. Aber irgendwann hat es ihn gefuchst. Er ist einer, der das Publikum braucht. Er ist ein Volksredner, eigentlich ja Realschullehrer mit den Fächern Deutsch und Religion. Koch predigt auch in Kirchen (er ist auch noch evangelisch). Es hat ihm, seit 33 Jahren SPD-Mitglied, Spaß gemacht, die Spitzenkandidatin Renate Schmidt beim Wahlkampf zu unterstützen und ihr mit seiner Popularität zu einem Direktmandat für den Landtag zu verhelfen – was für die SPD in Bayern fast so selten ist wie eine Uefa-Cup-Teilnahme des 1. FC Nürnberg. Und jetzt hat sich der 62-Jährige selbst aufstellen lassen. "Ich kann nicht verstehen, wie gottergeben und ängstlich manche Sozialdemokraten in den Wahlkampf gehen", sagt er.

Wäre Koch in der Staatspartei, drückte man wohl ein Auge zu

Markus Söder, Medienexperte der CSU, Direktkandidat in Nürnberg und Mitglied des Aufsichtsrats des 1. FC, schäumte. Aus der CSU forderten sie ein sofortiges Mikrofonverbot für Koch – wenn der Gelegenheit hätte, als Landtagskandidat über die Fußballbundesliga zu berichten, dann könnte ja alles zusammenbrechen: der Bayerische Rundfunk, die jahrzehntelange Vorherrschaft der CSU, das Franz-Josef-Strauß-Monopol auf Volkstribunen für die Schwarzen. Wäre Koch in der Staatspartei, würde man wohl eher ein Auge zudrücken. Waldi Hartmann zum Beispiel, der Sportschau- Mann, hat aus seiner inbrünstigen Verehrung für die CSU nie einen Hehl gemacht, und es gibt den Fall eines ehemaligen Fernsehdirektors, der auf Wahlplakaten für seine für die CSU kandidierende Frau als Blickfang diente. Koch ist außerdem beim BR gar nicht fest angestellt, sondern nur freier Mitarbeiter. Man hat jetzt einen Burgfrieden geschlossen: Koch darf in den letzten sechs Wochen vor der Wahl nicht für den BR tätig sein, und die CSU hofft, dass er nicht in den Landtag kommt. Was aber passiert, wenn er es schafft, das wissen nur die Götter. Und die heißen hier: Edmund Stoiber, Ministerpräsident, und Thomas Gruber, Intendant des BR.

Der letzte Spieltag der Saison mit dem vorerst letzten Spiel des 1. FC Nürnberg unter der Mikrofon-Schirmherrschaft von Günther Koch bringt Leverkusen als Gegner. Koch hat seine Karteikarten vor sich liegen, auf denen neben seiner unleserlichen Geheimschrift Satzzeichen, Pfeile und geometrische Figuren zu erkennen sind. Das Ergebnis dieser Vorkehrungen findet sich gelegentlich im Spielfluss, wenn Koch in eine seiner unnachahmlichen Nebensatzketten einflicht: "Dominik Reinhardt, der Sohn von Alois, aus der Gegend von Haßfurt…" Kochs Größe besteht darin, derart auf Ballhöhe zu sein, dass eine Szene wirklicher wird als die Wirklichkeit selbst. Da prallt ein Ball ab, kullert langsam aufs Tor zu, und "er rutscht", sagt Koch und kostet dieses Rutschen aus, zieht es in die Länge und in die Höhe, "er rutscht, er ruuuutscht" – dann kommt die Kunstpause, die den vor dem Radio sitzenden Zuhörer wahnsinnig macht – und dann: "Er rutscht am Tor vorbei." Der Ball war natürlich schon längst im Aus, als Koch zum letzten Rutschen ansetzte. Er verdichtet das Geschehen, verlangsamt und beschleunigt es, wie er will, aber wehe, wenn das Spiel verflacht, dann hebt Koch an, singt ein Klagelied über das Elend des Daseins und speziell des Nürnberger "Clubs", vom Aufzählen ruhmreicher Namen aus der Vorkriegszeit unterbrochen.