Seine Königliche Hoheit Prinz Leopold von Bayern, 60, gehört dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher an, das fast 800 Jahre lang regierte, bis 1918 die Monarchie abgeschafft wurde. König Ludwig II., der "Märchenkönig", war der Ur-Ur-Urgroßonkel des Prinzen. Leopold ist der Patenonkel von Carl Philip, dem möglichen schwedischen Thronfolger. Er liebt schnelle Autos, das Fallschirmspringen und sammelt teure Uhren. Als Berater von deutschen Industrieunternehmen ist er mehr als die Hälfte des Jahres in aller Welt unterwegs. Mit seiner Frau Uschi ist er seit 26 Jahren verheiratet. Aus ihrer Ehe gingen die Kinder Manuel, Pilar, Felipa und Konstantin hervor. Prinz Leopold lebt in einer Villa am Starnberger See. Er träumt vom Fortleben seiner Seele als Geist

Die Familie der Wittelsbacher ist ein außerordentliches Geschlecht. Wir brachten Könige hervor, die noch heute einen großen Einfluss auf das Denken und die Kultur Bayerns haben. König Ludwig I. war ein bedeutender Monarch; König Ludwig II. war, wie man heute sagen würde, ein Star. Seine Visionen gelten vielen Menschen als spektakulär – ob Schlösserbau, Mäzenatentum oder sein Versuch, zwischen politischen Fronten zu vermitteln. Er errichtete die noch heute berühmten Schlösser Linderhof, Herrenchiemsee und Neuschwanstein, förderte Richard Wagner und elektrifizierte sogar seine Bauten selbst. Unsere Familie hat bis heute Verbindungen zu vielen Königs- und Adelshäusern in ganz Europa, und manchmal passieren auch merkwürdige Dinge, so, als befände man sich im Märchen. In denen, das weiß jedes Kind, spielen Könige, Prinzen und Prinzessinnen ja auch eine große Rolle, und nicht immer scheint alles mit rechten Dingen zuzugehen. Wie in meinem Traum.

Meine Großmutter, Fürstin Margarethe von Hohenzollern, umgibt für mich eine Aura des Außergewöhnlichen. Kurz vor ihrem Ableben sagte sie zu mir 19-Jährigem: "Wenn ich einmal sterbe, Leopold, werde ich nicht für immer gehen. Ich werde als eine Art Energie immer bei dir sein. Verlass dich darauf: Ich komme wieder." Ich hielt diese Worte damals für einen Scherz, aber glaubte ihr dennoch. Schließlich hat man gerade als junger Mensch die Sehnsucht, dem Menschen, der von einem geht, irgendwann wieder zu begegnen. Sie war es, die meinem Traum Nahrung gab, es möge mit mir niemals vollständig zu Ende gehen. Damals, vor 41 Jahren, war ich allerdings noch nicht reif dafür, über meinen eigenen Tod nachzudenken.

Meine Großmutter starb, sie war begraben, aber nicht vergessen. Einige Wochen nach ihrer Beerdigung fuhr ich mit Chauffeuren zu ihrem Schloss, um den Salon noch einmal zu sehen, in dem sie zuletzt gelebt hatte. Die Wagen hielten vor dem dunklen Haus, wir stiegen aus und gingen zur Türe, als plötzlich in der mittleren Etage alle Lichter angingen. Niemand konnte darin sein, das wussten wir genau. Und wir wussten, dass man viele verschiedene Schalter betätigen musste, um überall Licht zu haben. Wir sahen uns an, und mich beschlich ein merkwürdiges Gefühl. Wir stiegen die Treppen hinauf, dem Licht entgegen. Ich stieß die Tür zu ihren Gemächern auf und ging ein paar Schritte hinein. Plötzlich blieben meine Beine stehen, als hinderte mich ein Magnet unter den Füßen daran weiterzulaufen. Ich spürte einen Windzug in meinem Rücken. Es war, als stünde jemand hinter mir. Ich flüsterte: "Großmutter, bist du es?" Ich hörte Geräusche, die wie ein Wispern klangen, die etwas sagen wollten, die ich aber nicht verstand. Ich war unfähig, mich umzudrehen. Die Geräusche verstummten, und als ich mich endlich rühren konnte, war hinter mir nur eine verschlossene Tür. Es war meine Großmutter, davon bin ich noch heute fest überzeugt.

In dem Traum von meiner Wiederkehr als eine Form der Energie ist es mir möglich, all jene wiederzusehen, die mich verlassen haben. Meinen Vater Prinz Konstantin von Bayern, einen Bundestagsabgeordneten, der starb, als ich gerade 26 Jahre alt war. Er stürzte mit dem Flugzeug ab. Meinen Urgroßvater, Ludwig Ferdinand; dann Herzog Albrecht von Bayern und eben jene Großmutter und Prinzessin Pilar, eine Tante – sie alle möchte ich gerne treffen und mit ihnen darüber reden, wie die Vergangenheit wirklich war, und ihnen berichten, wie die Zukunft aussieht, die sie nicht mehr erlebten. Meinem Vater würde ich sagen, wie gut es unsere Familie versteht, ohne Skandale zu leben; wie wir uns für wohltätige Zwecke engagieren und warum ich unbedingt Rennfahrer werden wollte. Ludwig II. würde ich sagen, dass man ihn verehrt, dass sich noch heute Mythen um ihn ranken und dass wir nie zweifelsfrei aufklären konnten, was es mit seinem Tod auf sich hatte. Ich spräche mit ihm über die Wagnerianer und die Millionen von Touristen, die Neuschwanstein besuchen, über die immer größer werdende Kluft zwischen Armen und Reichen, über den Ausbruch neuer Kriege und religiöser Konflikte. Ich bin mir sicher: Die Sensibilität Ludwigs II., sein Schöngeist und seine praktische Intelligenz passten auch noch in die heutige Zeit.

Stürbe ich nicht für immer, sondern bliebe mir und meiner Familie als "Geist" erhalten, hielte ich auch die Uhren an, wenn Gefahr im Verzug wäre. Ich erkennte drohendes Ungemach, bevor die Lebenden damit fertig werden müssten. Ich bewahrte Bayern vor Fehlern in der Umwelt- und Sozialpolitik und käme moralischen Verfehlungen zuvor. Ich wehte als Unsichtbarer durch die Alpen; legte mich wie ein Faun an die Ufer von Isar, Starnberger See und Inn; ich kreiste wie ein schlanker Schwan über den Stätten meiner Heimat und beobachtete die Welt von oben. München beim leuchtenden Oktoberfest, Nürnberg beim Christkindlmarkt, Passau bei der Blüte der ersten Krokusse. Doch bevor ich ein Überlebender meines eigenen Todes werde, muss ich im Diesseits wichtige Dinge erledigen. Als Prinz und Nachfahre einer bedeutenden Monarchie hat man ja nicht nur einen guten Namen zu bewahren, sondern auch einen Auftrag zu erfüllen: anständig, großzügig und tolerant zu sein.

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Aufgezeichnet von MARC KAYSER