1:0 BESSERE PRUNKBAUTEN
Von wegen Nostalgiefestung! Neuschwanstein ist Avantgarde, ein Bau voller Innovationen. Schon vor 120 Jahren gab es dort Fernwärmeheizung und Telefon und Glasscheiben, die in der Wand verschwinden können, so wie 50 Jahre später bei Mies van der Rohe. Verglichen mit so viel Zukunftsdrang, ist das Kanzleramt in Berlin nur ein altertümlicher Klotz, eine überkandidelte Kulisse fürs Staatstheater, stolz und bedeutungsschwanger, in Wahrheit aber bedeutungshohl. In seinem Zentrum gähnt ein Nichts, eine Treppenspindel, in der sich ab und an Dichter treffen, um Kartoffelsalat zu essen. Die Bayern hingegen haben ein Gesamtkunstwerk, einen Tempel, in dem jeder spürt, wie sehr der Glaube an die Kunst einst glühte. Nichts ist Kolossalkulisse, alles ist innig empfunden. Kein Wunder also, dass kein anderer Bau in Deutschland von mehr Menschen besichtigt wird. Neuschwanstein ist, was das Kanzleramt verzweifelt sein möchte: ein Nationalsymbol.

2:0 BESSERES WETTER
Da können die Alpen im Weg stehen, wie sie wollen – Bayern ist das deutsche Italien, zumindest ein Hauch davon (meteorologisch "Föhn") weht gern über Watzmann und Zugspitze hinweg in den Norden, der Deutschlands sonniger Süden ist: 1702 Sonnenstunden pro Jahr misst der Wetterdienst in München. Hamburg, als bevorzugtes Reiseziel atlantischer Tiefdruckgebiete, schmuddelwettert sich auf schattige 1557. Bei den Sommertagen über 25 Grad ist das Verhältnis sogar wie zwischen dem FC Bayern und dem HSV – 30:18. Logisch, dass Franz Beckenbauer es nur zwei Spielzeiten in Hamburg ausgehalten hat. Sogar der Regen will ja lieber nach München! 994 Liter Niederschlag pro Quadratmeter pro Jahr gegenüber 770 in Hamburg. Wer jetzt gehässig denkt, das merken die Bayern nicht vor lauter Glück, der irrt: Fast alles, was in München mehr runterkommt als anderswo, fällt leise rieselnd als Schnee. Immer Heiligabend, von 17 Uhr an. Am ersten Weihnachtsfeiertag kommt dann wieder die Sonne raus.

3:0 BESSERE BERGE
Der Unterschied zwischen den Alpen und dem Alpincenter Bottrop bemisst sich nicht in Höhenmetern, sondern im Grad der Verzweiflung. Was sonst triebe die Menschen, in die industrialisierte Kunstschneehölle einzufahren, bei fahlem Neonlicht (6 bis 23 Uhr) und dumpfer Eissporthallenkühle (minus 5)? Aus den Schluchten der norddeutschen Städte gibt es kein Entrinnen, alle Wege führen ins flache Land. Doch noch deprimierender als die Ebene ist Skifahren in der Ebene. Man wollte hinauf ins Erhabene, aber der Sprit reichte bloß bis Bottrop. Dort, auf der längsten Indoor-Piste Europas (30 Meter breit), stehen sie nun blöde, während die Bayern feixend im höchsten Gebirge Europas wedeln. Sie haben die Utopie, wir haben die Apokalypse, keine Lawine wird uns von unserem Elend erlösen.

4:0 BESSERE TRACHTEN
Mit weißer Bluse, Schürze und Mieder kleidet das Dirndl jede Frau zugleich sexy und schmuck. Das Kleid wirkt wie ein Büstenhalter mit feschem Überrock, doch bis heute gibt es auch festliche Exemplare aus kostbarsten Stoffen. Den Herren läuft allein beim Gedanken an Frauen im Dirndl das Wasser im Munde zusammen; genauer, an die bei entsprechendem "Holz vor der Hütt’n" typisch bayerische barocke Sinnenfreude. Der Ausschnitt des Kleides wird mit Rüschen verziert, Blumenschmuck betont das Dekolleté als üppigen "Balkon". Unfair kann hier nur jeder regionale Vergleich enden, bemühen wir also gleich einen der unfairsten, zum Beispiel den mit der Niederlausitz. Hoch geschlossen und in grober Wolle schützt sich die Sorbin vor dem sibirischen Wind in diesem kargen Landstrich. Kein Gedanke an dionysische Heiterkeit, Bierseligkeit, blühende fette Wiesen. Wie denn angesichts dieser Protestantinnengewänder!

5:0 BESSERES ESSEN
Der Spruch, dass man ist, was man isst, gilt nicht viel in Bayern, wiewohl man sich dort bisweilen herausnimmt, Nordseeanrainer und solche, die man dafür hält, als Fischköpfe zu apostrophieren. Aber auch der Bayer würde einräumen, dass zwischen ihm und seiner Leibspeise ein organisches Verhältnis besteht. Ein zünftiger Kerl braucht ein zünftiges Fleisch. Versuche des Norddeutschen, sich diesen Brauch zu Eigen zu machen, sind zum Scheitern verurteilt. Er hat nun einmal keinen Verwandten eines Bekannten, der selber schlachtet; keine Hausfrau, die Stunden am Herd steht; kein Kraut, ohne dessen verdauungsfördernde Wirkung selbst der geübte Magen litte. Darum isst man in Norddeutschland kraftlose Häppchen wie den Rollmops. Als Katerfrühstück vor dem Kühlschrank. Allein.

6:0 BESSERE ZELTE
Mag ja sein, dass unter deutschen Dächern viel geklagt, gemeckert und gejammert wird, doch unter deutschen Zeltdächern wird gefeiert. Das schönste (und mit 75000 Quadratmetern größte) steht-hängt-spannt sich in München. Unter diesem Dach im Olympiapark fanden statt: einmal Olympische Spiele, 26-mal Weltmeisterschaften, 11-mal Europameisterschaften, 77-mal deutsche Meisterschaften. Das Partyzelt der neueren Art (auch als "Bierpavillon" oder "Römerzelt" verkauft) reicht noch nicht mal für eine Kreismeisterschaft. Und es hat, was ästhetischen Reiz sowie Verbreitungsgeschwindigkeit angeht, sehr viel mit der Pest gemein, jedenfalls mehr als mit Architektur. Ja, der Niedergang der Republik, er lässt sich wohl an diesen beiden Zelten festmachen – am Unterschied zwischen Transparenz und Dekadenz, zwischen Laufen und Saufen, ach was: zwischen Behnisch und Baumarkt.

7:0 BESSERES BIER
Anders als Kölsch, dieses Bier in homöopathischer Dosis, ist die Maß ein sinnliches Getränk. Wer eine Maß trinkt, muss schwer heben, das Bier wiegt ein Kilo und das Glas ein weiteres. Die Gläser sind so stabil, dass man beim Prosit ein Scheppern wagen kann. Das Kölsch hingegen: sachte anheben, leises Kling, nippen, dann ist es weg. Das ganze Rheinland sitzt eigentlich nie, sondern es pendelt zwischen Theke und Tisch. Dabei behaupten die Trinker dort: "Unsere Gläser fassen zwar nur 200 Milliliter und damit exakt ein Fünftel der Maß, dafür wird unser Bier aber nicht so schnell schal." Stimmt gar nicht: Wenn der Maßkrug gründlich mit klarem Wasser ausgespült ist, dann verliert das Bier seine Kohlensäure genauso langsam wie im kleinen Glas, sagt Heinrich Vogelpohl vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan. Nicht nur dieser Forscher hält zur Maß. Physiker loben ihre Standfestigkeit, Sozialpsychologen ihre geselligkeitsfördernde Dimension: Wer viel im Glas hat, gibt an Umstehende gerne einen Schluck ab. Restdeutschland nippt alleine.