Bochum und Dortmund sind zwei arme Städte im Ruhrgebiet. Sie sind so arm, dass sie Freibäder schließen und Bibliotheken und dass sie ganze Viertel verfallen lassen, weil das Geld für die Sanierung fehlt. Selbst ihren Haushalt können die ehemaligen Kohlestädte nicht mehr allein verwalten. Ohne Genehmigung der Landesbehörden dürfen sie nichts ausgeben.

Und trotzdem haben Bochum und Dortmund gerade einen Konzern gekauft - für 835 Millionen Euro.

Über ihre Stadtwerke erwarben die beiden Städte im Sommer 80,5 Prozent der Gelsenwasser AG, des größten privaten Wasserversorgers in Deutschland. Das Kartellamt hat bereits zugestimmt, das Bundeswirtschaftsministerium gab vergangene Woche grünes Licht. Dass gerade zwei arme Ruhrstädte den Zuschlag erhalten, überrascht die Branche. Manche sprechen von einer "Verstaatlichung" der Wasserwirtschaft. Manche vermuten ein "Filzgeschäft" und einen Versuch des Energiekonzerns RWE, sein Wassergeschäft in Nordrhein-Westfalen auszubauen.

Gelsenwasser gilt als attraktiv. Allein für dieses Jahr prognostiziert das Gelsenkirchener Unternehmen einen Jahresüberschuss von 40,4 Millionen Euro.

Der bisherige Mehrheitsgesellschafter von Gelsenwasser, der Düsseldorfer Energiekonzern E.on, war gezwungen, die lukrative Beteiligung zu verkaufen, als Auflage für seine Fusion mit Ruhrgas. Mehrere solvente Bewerber wollten die E.on-Tochter haben, unter ihnen ein Konsortium aus den Hamburger Wasserwerken und dem Mannheimer Versorger MVV, aber auch die französischen Wasserkonzerne Suez und Veolia. Für die Gemeinden aus dem Ruhrgebiet bewarben sich die örtlichen Stadtwerke, die im vergangenen Jahr einen Gewinn von zusammen 0,5 Millionen Euro vorweisen konnten.

Erst das Engagement der Westdeutschen Landesbank (WestLB) machte aus den Stadtwerken kaufkräftige Handelspartner. Das staatsnahe Institut finanziert als Führer eines Bankenkonsortiums den Kaufpreis zunächst vollständig über einen Kredit. Nach sechs Monaten sollen rund 40 Prozent des Darlehens abgelöst werden, Zinsen und Tilgungen für die gepumpten Millionen sollen aus den Gelsenwasser-Gewinnen bezahlt werden.

"Ein international agierendes Unternehmen wird verstaatlicht", warnt dagegen Jürgen Rüttgers, der Chef der nordrhein-westfälischen CDU. Der Stadtwerke-Konkurrent MVV hat sich bei Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) über das Geschäft beschwert und plant rechtliche Schritte.