Die Gesundheitsdebatte folgt Gerhard Schröder wie ein chronischer Schnupfen: lästig, kräftezehrend und einfach nicht auszurotten. Der Reformkompromiss mit der Opposition im Juli sorgte für Linderung - doch nur einige warme Sommerwochen lang. Jeder in Berlin weiß, man müsste die Krankenversorgung von Grund auf kurieren und endlich die Finanzierung der Kassen sanieren. Nur der Kanzler will nicht. An den Katarrh gewöhnt, scheut er die Unannehmlichkeiten der großen Kur. Seinen eigenen Reformern hat er deshalb erst mal Ruhe verordnet.

Auf Dauer wird Gerhard Schröder damit nicht durchkommen. Dazu gibt es in der Hauptstadt zu viele, die sich in der Gesundheitspolitik zu profilieren suchen. Die Grünen, im Juli beim Allparteiengespräch nur schwach zu vernehmen, meldeten sich nach der Sommerpause mit umso größerem Reformanspruch zurück. Seit fast drei Wochen diskutierten sie schlagzeilenträchtig über die Bürgerversicherung, also darüber, wie man auch Beamte, Selbstständige, Haus- und Wertpapierbesitzer zur Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen heranziehen kann. Die Besserverdiener sind zumeist privat versichert, und das wollen die Grünen ändern. Ähnliche Überlegungen gab es auch schon in der SPD - nebst juristischen Bedenken. Neuerdings wollen die Sozialdemokraten deshalb umgekehrt die Privatkassen für die Volksmassen öffnen, was rechtlich allerdings mindestens genauso schwierig ist.

Eigentlich hätte der Kanzler mit Rente, Arbeitslosen- und Sozialhilfe noch genug andere Reformthemen abzuarbeiten. Aber die Gesundheitspolitik wird ihn nicht loslassen. Im November auf dem Parteitag der SPD wollen seine Genossen das Thema Bürgerversicherung ausführlich diskutieren. In zwei Wochen legt die Herzog-Kommission der Union eigene Reformvorschläge vor. Die Schnupfensaison hat gerade erst begonnen.