Der Kanzler reist Anfang der kommenden Woche nach New York, um vor den Vereinten Nationen über die internationale Rolle der Bundesrepublik zu sprechen und sich mit dem amerikanischen Präsidenten zu treffen. Da soll ein beruhigendes Bild vermittelt werden: Rückkehr zur transatlantischen Arbeitsfähigkeit mit George W. Bush und vor der Vollversammlung die Präsentation einer deutsch-europäischen Philosophie mit weltweiter Ausstrahlung und Anziehungskraft, nicht zahnlos, aber spezialisiert auf Dialog und Kooperation, eine globale Entspannungspolitik für das 21. Jahrhundert. Doch zwischen dem ganz Kleinen und dem ganz Großen, dem Händedruck und der Weltvision klafft ein Abgrund von Fragen und Ungewissheiten.

Im Büro des außenpolitischen Kanzlerberaters Bernd Mützelburg, des Mannes also, der Schröders Condoleezza Rice ist, hängen drei Regionalkarten: vom Kongo, von Afghanistan und vom Irak. Mützelburgs Bonner Amtsvorgänger hätten so exotischen Wandschmuck nicht nötig gehabt, aber die Bundesrepublik des Herbstes 2003 lebt in dramatisch geweiteten Horizonten. Der Kongo, wo der erste gemeinsame Militäreinsatz der EU in einer kleinen Bürgerkriegszone vorläufig Ruhe und Ordnung geschaffen hat, ist das Erfolgs- und Zukunftsmodell: europäisch, legitimiert von den Vereinten Nationen, Stabilität schaffend gegen Staatszerfall und humanitäre Katastrophen. Afghanistan sieht zwiespältig aus, Deutschlands Paradeterrain im Antiterrorkampf steht zugleich für eine Art Lösegeldzahlung an die Vereinigten Staaten, ein Kompensationsgeschäft: Tausche Bundeswehrstationierung in Kundus gegen Audienz bei Präsident Bush. Der Irak ist politisch vollends vergiftet und brandgefährlich, da bündelt und verknotet sich alles – der Marktplatz von Goslar, wo Schröder seinen Friedensschwur abgab, und der Weltsicherheitsrat in New York, wo man mit den Folgen zurechtkommen muss, Öl, Völkerrecht und Amerika. Auf einer Berliner Wunschliste würde die Kongo-Aktion oben stehen, Afghanistan in der Mitte, der Irak unten. Was die weltpolitische Brisanz angeht, ist die Reihenfolge leider umgekehrt.

Das offizielle Berlin neigt zur Gesundbeterei

Der Donnerschlag des Irak-Konflikts hat eine Art Betäubung zurückgelassen. Was wird sein, wenn Leben und Gefühl wiederkehren? Berlin auf Dauer an der Seite von Paris, wo man eine "multipolare" Weltordnung will, gegen die "Hypermacht" USA? Mit Franzosen, Belgiern und Luxemburgern kerneuropäische Militärplanung treiben, mit der Türkei die EU nach Asien ausdehnen – geht das zusammen? Deutschland am Hindukusch verteidigen, wie Minister Struck forsch sagt, aber ohne Geld für die Bundeswehr und im Namen einer Bevölkerung, für die schon der Balkan weit weg ist? Wie geht es weiter mit den Polen oder den Balten, die seit 1989 von der Bundesrepublik besonders gepflegt wurden, sich aber jetzt als Rumsfeld-Verbündete unbeliebt gemacht haben? Und ist dieser ganze Kraftakt der Irak-Verweigerung nun ein Erfolg gewesen, ein Emanzipationsakt, womöglich die Geburtsstunde eines selbstbewussteren, handlungsfreieren Deutschlands – oder ein Schritt in die moralisierende Irrelevanz?

Das offizielle Berlin neigt in außenpolitischen Grundfragen zu Problemleugnung und Gesundbeterei: Paris und Washington sind selbstverständlich gleich wichtig, Erweiterung und Vertiefung der EU keine Gegensätze, die Sympathie für Polen muss nicht auf Kosten des guten Verhältnisses zu Russland gehen und so weiter und so fort. Das Sowohl-als-auch ist überparteiliches Genscher-Erbe, von Joschka Fischer fleißig angetreten, und man wird nicht behaupten können, dass die Bundesrepublik schlecht damit gefahren wäre. Aber jetzt, da die Ordnung des Kalten Krieges nicht mehr ist, regt sich das Bedürfnis nach einer strategischen Diskussion, nach einer anderen Sprache und Gedankenklarheit als in faulen Redensarten wie der vom Streit, der doch einmal möglich sein müsse, gerade unter Freunden. Die Welt ist vielleicht nicht völlig aus den Fugen seit dem 11. September 2001, aber gründlich erschüttert ist sie schon, und da braucht man mehr als ein paar allgemeine Floskelweisheiten, aus denen die Regierenden machen können, was ihnen beliebt. Deutsche Außenpolitik, ohne Debatte, ist alles, was Schröder und Fischer für deutsche Außenpolitik erklären, mit jenem autoritären Zug, der sie auch sonst auszeichnet. Hier hängen aber nicht bloß ein paar Parlamentsabgeordnete oder Parteitagsdelegierte daran, die auf Machtworte warten, sondern die Interessen des Landes.

Deutsche Interessen – das klingt unvertraut, befremdlich, vielleicht sogar bedrohlich, nach Egoismus und Konfrontation. Wollen wir nicht einfach nur das Gute, natürlich für uns, aber für die Nachbarn auch, und für die Entwicklungsländer allemal? Egon Bahr, der Kopf hinter Willy Brandts Ost-Politik, der keine Scheu vor der Macht und ihrer Eiseskälte kennt, hat 1998 eine Streitschrift Deutsche Interessen publiziert, damals noch ohne großes Echo. Heute titelt er Der deutsche Weg, selbstverständlich und normal , und die gerappelt volle Buchvorstellung im Willy-Brandt-Haus zeigt, dass er einen Nerv getroffen hat. Kriegerisch ist die Stimmung gerade nicht, an die Bahr appelliert, wohl aber kämpferisch, stolz auf die "Singularität" deutscher Friedfertigkeit, die man gegen Amerika verteidigen und für Europa zum Vorbild machen will. Wer mit Diplomaten oder Offizieren zu tun hat, mit Leuten, die für UN-, Nato- oder EU-Missionen Gelder anzuweisen oder Pläne zu erstellen haben, hört jetzt öfter Warum- und Wozu-Fragen: Was bringt uns das eigentlich, was bekommen wir zurück? Bereits 1999 hatte Gerhard Schröder eine "Politik des aufgeklärten Eigeninteresses" verkündet. Damals dachte man an die deutsche Zahlmeisterrolle in Europa, die dem Kanzler nicht passte. Heute geht es um Militärexpeditionen und nation-building, im Ernstfall um Gefahr und Tod: Was haben wir in Kundus zu suchen oder im Kongo – und im Irak eben nicht?

Die alte Bonner Bundesrepublik, die jetzt gern als posthistorisches Idyll dargestellt wird, hatte sehr wohl bestimmte Interessen und nahm sie auch wahr. Sie lauteten: Schutz im Bündnis und ein gedeihliches Sonderverhältnis zum anderen deutschen Staat, der DDR, was wiederum ohne Rücksicht auf die Sowjetunion nicht zu haben war. Das Bündnisinteresse (mit seinem zivilen Seitenzweig, dem Europäertum) war ein gemeinsames, westliches, das innerdeutsche durchaus nicht; wenn Bonn den Umgang mit Ost-Berlin belastet sah, etwa durch amerikanisches Säbelrasseln, versuchte es sich zu wehren. Es war freilich Bonner Stil, von Interessen nicht viel zu reden. Interessenkonflikte in der EU, meint Hans-Dietrich Genscher, das sei doch kaum anders, als wenn Bayern und Niedersachsen im deutschen Föderalismus auf ihren Vorteil schauten, und Wolfgang Schäuble stimmt dem Vergleich sofort zu; diese Nüchternheit ist konsensfähiges Gemeingut der politischen Klasse.

Außenminister Fischer mag das I-Wort überhaupt nicht, es klingt ihm nach Sonderwegen, Nationalismus, 19. Jahrhundert, Spielchen im Mächtekonzert – nach allem, was die Bundesrepublik endlich glücklich hinter sich gelassen hatte. Die Scheu ist verständlich, aber überholt. Dass ein Land gar keine Interessen verfolgen soll, oder nur europäische oder gar menschheitlich-universale, hat schon zu Bonner Zeiten eher Verdacht erregt: Da musste doch etwas dahinter stecken? Dem größeren, souveräneren, "normaleren" Deutschland der Gegenwart glaubt man die Harmlosigkeit erst recht nicht. Doch wenn Fischer erläutern will, warum die Bundesrepublik sich an der EU-Unternehmung im Kongo beteiligt, geht das etwa so: Er verstehe den Zweifel gar nicht, die Deutschen müssten doch selbstverständlich dabei sein wollen, wenn andere führende Mächte Europas sich irgendwo engagierten. Das deutsche Interesse ist aus dieser Perspektive eines am Mitmachen, an der Demonstration europäischer "Handlungsfähigkeit", sozusagen ein Meta-Interesse; es richtet sich nicht auf Ziele, sondern auf Prozeduren, Instrumente, Funktionsmechanismen.