Saheb Ibrahim ist ein freundlicher Mann. Sein Arzt sagt über ihn, er sei zu dick und müsse beim Essen besser acht geben. Aber Herr Ibrahim kümmert sich nicht um den Arzt. Er hat nicht mehr allzu viele Jahre zu leben, die will er sich nicht durch Diäten verderben. Sein Gesicht strahlt, wenn er ein Hühnerbein an den Mund führt. Er kaut das Fleisch und ist dann ganz bei sich. Herr Ibrahim ist der Typ gutherziger Großvater, der seinen Enkeln an heißen Tagen Eis kauft und sie an regnerischen Tagen ins Kino bringt.Aber es gibt auch ein anderes Bild von Herrn Ibrahim - seine Peiniger haben es gezeichnet. Über die Jahrzehnte waren es immer andere gewesen; einmal waren es Saddam Husseins Schergen, einmal waren es die Kurden und nun sind es die Besatzer.Vielleicht ist es zu viel von Peinigern zu sprechen, denn Herr Ibrahim hat überlebt. Er ist nicht gefoltert worden, seine Familie ließ man unversehrt. Für irakische Verhältnisse ist das unter dem Strich fast schon ein gutes Ergebnis. Schmerzen aber lassen sich nicht vergleichen. Herr Ibrahim hat also gelitten. 1991 wurde er entführt. Die aufständischen Kurden kamen in sein Haus in Kirkuk, brachten ihn weg, plünderten, was zu plündern war und hielten ihn zwölf Tage lang gefangen. Sie haben ihn mitgenommen, weil er ein Mitglied von Saddams Baathpartei war. Was sie nicht berücksichtigt hatten, war, dass er ein "gesäubertes Mitglied" der Baath war; eine Art Oppositioneller. Oder sie wussten es, und es war ihnen egal.Saddam Hussein hatte Herrn Ibrahim 1972 von Nassiriyah im Süden des Landes nach Kirkuk, in den Norden verbannt. In Nassiriyah war er für die Bildungspolitik des gesamten Bezirkes zuständig, in der Parteihierarchie rangierte er im oberen Mittel. Er hatte Karriereaussichten, aber Herr Ibrahim beklagte sich zunehmend über die grassierende Korruption, über die Gewalt, über den Verrat der Parteiideale. Einmal trug er seine Klagen auch Saddam Hussein persönlich vor. Der Diktator empfing Herrn Ibrahim in einem großen Salon. Er saß auf einem Sofa, Herr Ibrahim zu seiner Rechten und etwas abseits ein Sekretär. Über ihnen kreiste leise ein Ventilator."Saddam hörte zu. Er nickte immerfort mit ernstem Gesicht. Der Sekretär machte Notizen. Am Ende sagte Saddam: `Wir werden uns darum kümmern!`", erzählt Herr Ibrahim während er mit großem Genuss nach einem weiteren Hühnerbein greift. "Ich ging und war mit mir zufrieden. Ich erwartete, dass sich etwas ändern würde." Er glaubte damals, dass Saddam von den Machenschaften seiner Leute nichts wüsste. Herr Ibrahim war voller Vertrauen in seinen Führer. Zwei Wochen später geschah tatsächlich etwas."Ein Mann der Partei kam aus Bagdad zu mir. Er überbrachte die Nachricht, dass ich ab sofort meiner Stellung enthoben sei, und dass ich innerhalb eines Monats eine neue Arbeit in Kirkuk anzutreten hätte. Gründe für die Versetzung nannte er keine und verschwand wieder!" Herr Ibrahim widersetzte sich nicht, wie hätte er es auch tun sollen? Er zog mit seinen drei Kindern und seiner Frau um, nach Kirkuk in den Norden des Landes.Kirkuk war mehrheitlich von Kurden bewohnt, und Saddam hatte dort in mehreren Wellen Araber angesiedelt, um das Bevölkerungsverhältnis zu verändern. Er hatte sich die Arabisierung Kirkuks zum Ziel gesetzt. So lockte er arabische Siedler nach Kirkuk, indem er ihnen billiges Land und Zuschüsse vom Staat anbot; es kamen auch die geschassten, die zurückgesetzten, die gemaßregelten Mitglieder der Baathpartei. Es kamen Männer wie Herr Ibrahim.Er trat seine Stelle als einfacher Lehrer in einer Hochschule an. Er blieb Mitglied der Baathpartei, er glaubte ja weiter an ihre Ideale, an die Unabhängigkeit des Irak, an seine Einheit und an den Sozialismus. Er wartete bis sich etwas änderte, aber es änderte sich nichts; er wartete bis Saddam stürzte, aber er stürzte nicht.Herr Ibrahim gab Abendkurse, um seine Budget aufzubessern. Eines Tages erschien Hassan Ali al Majid als Schüler, auch er ein Mitglied der Baath, ein noch junger Mann: "Hassan Ali al Majid, war nicht besonders intelligent. Aber zielstrebig und skrupellos." Herr Ibrahim lächelte ein wenig sauer, denn er musste mit ansehen wie al Majid in Saddams Irak Karriere machte. Er würde weltberühmt werden. 1988 leitete er den Gasangriff auf die kurdische Stadt Halabscha, bei dem mehr als 5.000 Zivilisten ums Leben kamen. Al Majid verdiente sich mit dieser Tat den Spitznamen chemical Ali."Hassan Ali al Majid! Wer hätte das gedacht?", sagt Herr Ibrahim und machte eine kleine Pause beim Essen.Die Jahre gingen ins Land. Saddams Diktatur blieb unerschütterlich bis der Golfkrieg 1991 ausbrach. Die Kurden rebellierten nach der Niederlage von Saddams Armee in Kuwait, und da sie Herrn Ibrahim als Mitglied der verhassten Baath kannten, nahmen sie ihn mit, bedrohten ihn mit dem Tod und ließen ihn erst nach Zahlung eines Lösegeldes frei. Saddam schlug den Aufstand nieder. Herr Ibrahim kehrte nach Kirurk zurück und begann damit, sein Leben wieder zusammenzusetzen. "Es war eine schwere Zeit", sagt er Ibrahim, "eine schwere Zeit. Aber ich wusste, dass sie ein Ende haben würde. Irgendwann..." Er sagte es so, als würde er sein eigenes Leben meinen, nicht die Diktatur, denn die schien auf Ewigkeit programmiert.Damals sprach der Arzt seine ersten Warnungen aus: "Essen Sie weniger fett! Essen sie weniger Fleisch!", sagte er Herrn Ibrahim, "Sie riskieren ihr Leben!" Herr Ibrahim aber hörte nicht auf ihn. Er wurde dicker und dicker. Jeden Monat legte er einen neuen Fettring zwischen sich und der Welt, die ihm nichts Gutes gebracht hatte. Er wandte sich nicht ab, er mauerte sich ein, eine weiches, warmes, schweres Gefängnis. Heute muss Herr Ibrahim, wenn er sitzt, die Arme ausstrecken um den Teller auf dem Tisch zu erreichen.2003 stürzten die USA den Diktator durch eine militärische Intervention. Einige Kurden gingen wieder daran, Araber aus ihren Häusern in Kirkuk zu vertreiben, aber das blieb ein vorübergehendes Phänomen. Die Besatzer setzten die Araber wieder in ihr Recht ein. Herr Ibrahim fühlte sich trotzdem nicht mehr sicher, er glaubte nicht an die guten Absichten der Amerikaner. Er fürchtete die Kurden. Er hörte sich um, und was er hörte, gefiel ihm nicht. Mitglieder der Baath waren geschasst worden, von Tribunalen war die Rede, von Kaltstellung und ähnlichen Dingen. Er wusste auch, dass die Irakis, die aus dem Ausland gekommen waren, Dokumente sammelten, sie aussortierten und dann Kriterien erstellten darüber, wer ein Verbrecher war und wer nicht. War es schon genug Mitglied der Baath gewesen zu sein, um ins Gefängnis zu kommen? Keiner wusste darauf eine Antwort.Herr Ibrahim fuhr zu seinem Sohn nach Bagdad, zuerst auf Besuch für eine Woche, dann für länger und heute kehrt er nur mehr nach Kirkuk zurück, um sein Haus zu verkaufen. Er fürchtet die Rache der Opfer Saddams, die auch über ihn hereinbrechen könnte. Er verlässt nur mehr selten das Haus in Bagdad. Er hat Angst, eine namenlose Angst. Auch wenn er von sich sagt, dass er nichts verbrochen habe, er weiß, dass er das nicht beweisen kann, dass sein Wohl und Wehe abhängt von irgend jemandem, der irgendwo in einem der neuen, machtvollen Gremien sitzt. Davon ist er überzeugt, und das hält ihn fest in diesem Haus, an dem Tisch an dem er sitzt und isst und isst.Irgendwann ist es auch mit dem Essen zu Ende. Herr Ibrahim erhebt sich schwer von seinem Stuhl und bringt mich zur Tür. Die paar Schritte bringen ihn zum Keuchen. Er verabschiedet sich am Gartentor. Dann dreht er sich und wankt zurück in das Haus.Zuschriften anladurner@zeit.de