Zehntausende Soldaten, hunderte Geheimdienstagenten und weiß Gott, wer noch alles suchen Saddam Hussein. Seit seinem Sturz am 9. April 2003 bleibt er jedoch unauffindbar. Nun, ich habe ihn getroffen.Sie glauben mir das nicht? Ich weiß. Aber schenken sie mir einen Augenblick ihrer kostbaren Zeit, um zu erklären wie ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass ich dem Diktator tatsächlich begegnet bin. Entscheiden Sie danach, ob ich verrückt geworden bin oder nicht.Folgendes hat sich zugetragen. Am 18. September 2003 fuhr ich von Bagdad nach Nadschaf. Ich wollte mich einen Tag lang in der heiligsten Stadt der Schiiten umhören, um ein besseres Bild von der Gefühlslage der größten Bevölkerungsgruppe im Irak zu bekommen. Außerdem wollte ich etwas über die Pläne der schiitischen Führer in Erfahrung bringen, denn von ihnen wird die Zukunft des Irak ganz entscheidend abhängen.Die Fahrt von Bagdad nach Nadschaf und zurück dauert circa fünf Stunden. Um sieben Uhr morgens sind wir losgefahren, bei Einbruch der Dunkelheit, kurz vor der Ausgangssperre, kamen wir nach Bagdad zurück. Ich hatte also lange genug Zeit, um mich zu überzeugen, dass mein Fahrer Saddam Hussein war – ja mein Fahrer war der Schlächter, der Giftgasattentäter, der Weltbösewicht, der Massenmörder Saddam Hussein.Alles begann wie immer. Mein Begleiter, Hassan, organisierte ein Auto mit Chauffeur. Ich hatte nur meinen Wunsch nach einem relativ komfortablem Wagen geäußert, im guten Zustand und doch nicht zu auffallend. Ansonsten verließ ich mich auf Hassan. Am morgen unserer Abreise wartete ein mittelschwerer Jeep vor dem Hotel. Er erschien mir zwar etwas klein, aber alles in allem war der Wagen in sehr gutem Zustand. Der Fahrer ging ein paar Schritte auf mich zu. Wir begrüßten uns mit Handschlag und ich sagte ihm: "Mir ist egal wann wir ankommen, Hauptsache wir kommen an. Sie müssen also nicht rasen!""Aber natürlich", antwortete er, "Ich weiß alles. Keine Sorge, ich weiß alles!"Er sagte nicht "Ich verstehe alles", sondern, "Ich weiß alles!" "Ich heiße übrigens Sultan", fügte er an und schaute mich durch seine getönte Brille an. Er hatte große, braune Augen mit hängenden Tränensäcken. Sein Haar war tiefschwarz. Es war leicht zu erkennen, dass es getönt war. Das Haupthaar, der Schnurrbart, die Augenbrauen – alles war sorgfältig vom Friseur mit schwarzer Tinktur bearbeitet worden. Sultans Haut war für die hiesigen Verhältnisse recht hell und bildete einen auffallenden Kontrast zu dieser nachtschwarzen Pracht. Das gab ihm etwas Puppenhaftes. Er trug ein zitronengelbes Hemd, schwarze Hosen und schwarze Stiefel. An seinem Puls prangte eine goldene Kette. Alles an ihm wirkte ein wenig aufgesetzt.Wir fuhren los. Ich saß im Wagenfond, Hassan hatte auf dem Beifahrersitz Platz genommen und wie es seine Gewohnheit war, begann er sofort mit seinem endlosen Redefluss. Sultan hörte ihm aufmerksam zu, während ich nur die kehligen Laute der arabischen Sprache wahrnahm, ansonsten aber in einer Art Dämmerzustand verfiel. Draußen huschte Bagdad an uns vorbei. Sultan fuhr gut und sicher. Er dirigierte den Wagen durch den Verkehr. Wir erreichten die südliche Stadtgrenze Bagdads. Zu unserer Rechten erschien eine riesige Fläche, die übersät war mit kaputten Panzern, Militärlastwagen, Kanonen, gepanzerten Fahrzeugen – ein gewaltiger Militärfriedhof.Hassan schüttelte den Kopf und machte mit der Zunge das Geräusch, das er immer machte, wenn er sagen wollte: "Was für eine Katastrophe! Was für eine Katastrophe!""Wir waren mal eine große Militärmacht", sagte Sultan und schaute in den Rückspiegel. Die Sonne drang durch die Windschutzscheibe und seine Brillen hatten sich jetzt vollkommen verdunkelt. Ich konnte seine Augen hinter den Gläsern nicht mehr erkennen."Ich weiß, ich glaube, die sechstgrößte Armee der Welt", sagte ich."Genau, für kurze Zeit sogar die fünftgrößte. Das muss man sich mal vorstellen: Die fünftgrößte Armee! Und heute?" Er warf einen Blick über den Schrott, der sich bis zum Horizont zog."Alles weg, alles kaputt, alles umsonst", sagte Hassan mit seiner tiefen Stimme."Schrecklich, nicht!", rief ich von hinten."In der Tat", sagte Sultan, "aber wir müssen uns einmal darüber unterhalten, warum das so gekommen ist. Ich meine, es gibt Gründe dafür!""Ja, bestimmt…", antwortete ich und ging nicht mehr weiter darauf ein. Ich war unaufmerksam geworden, weil wir sehr nahe an einen amerikanischen Militärkonvoi heranfuhren. Ein Jeep schloss die Kolonne ab. Auf seiner Ladefläche saß ein GI. Sein Maschinengewehr hielt er auf uns gerichtet. Sultan musste nun sehr aufmerksam sein. Sollte der Soldat ihm nämlich bedeuten, dass er nicht überholen sollte, er es aber trotzdem tat, dann würde der GI sofort schießen. Das war in den letzten Tagen mehrmals passiert, dabei hatten Menschen ihr Leben verloren. Ein falsch verstandenes Handzeichen und: Bumm! So schnell schossen die Amerikaner, so groß war ihre Angst. Es gibt viele Leute im Irak, die behaupten, dass die Amerikaner viel gefährlicher für den Normalbürger sind als jeder Terrorist – und sie hatten damit wohl Recht.Sultan machte alles richtig. Er hielt sich auf Distanz solange der Soldat ihm bedeutete hatte, dass er nicht überholen sollte. Erst als der Konvoi rechts abbog und eine große Staubwolke hinter sich her ziehend verschwand, drückte Sultan wieder aufs Gas. "Unser Befreier hat immer den Finger am Abzug. Er schießt schnell, unser Befreier". Er lächelte breit und erwartete ganz offensichtlich, dass ich darauf etwas sagte. Ich schwieg jedoch. Ich hatte keine Lust auf Diskussionen.Wir rasten weiter über das Land, vorbei an Palmen, an zerstörten Panzern, an ausgebrannten Wracks, durch Dörfer und Städte deren Strassen verstopft waren und deren Häuser kurz vor dem Zusammenbruch zu sein schienen. Hassan redete, Sultan hörte zu, ich schwieg.Am späten Vormittag kamen wir in Nadschaf an. Sultan musste den Wagen weit weg von der Moschee Imam Alis stehen lassen. Nachdem Ende August direkt vor der Moschee eine Autobombe explodiert war, hatte die Polizei alle Zugangsstrassen zum größten Heiligtum der Schiiten für den Verkehr gesperrt. Die Bombe hatte mehr als achtzig Menschen in den Tod gerissen. Unter den Toten war auch Mohammed Bakr al Hakim, einer der wichtigsten Führer der Schiiten. Ihm hatte das Attentat gegolten.Man war also in Nadschaf vorsichtig geworden, und wir gingen zu Fuß in das Zentrum der Stadt. Sultan kam mit uns mit, was eher ungewöhnlich war, denn normalerweise blieben die Fahrer bei ihren Autos, weil sie fürchteten, dass sie während ihrer Abwesenheit gestohlen werden konnten. Er blieb die nächsten Stunden immer neben uns. Mit mir hörte er verschiedenen religiösen Führern zu, Polizisten, Passanten, Pilgern und Kaufmännern. Er hielt sich dabei immer eng an mich. Während meine Gesprächspartner redeten, spitzte er die Ohren. Er saugte alles aufmerksam in sich hinein. Ich fragte mich, was er wohl früher, vor dem Krieg, gewesen war: ein Journalist? Ein Spitzel? Ein Polizist? Sein Geschäft war jedenfalls die Information gewesen, das erschien mir klar.Als wir nach mehreren Stunden wieder in das Auto stiegen, sagte Sultan sehr laut: "Ich war das letzte Mal vor zwanzig Jahren in Nadschaf. Und ich kann ihnen sagen, heute ist diese Stadt hundert Jahre zurückgefallen. Hundert Jahre! Mittelalter!""Finden sie wirklich!""Ich sagen ihnen, diese Stadt wird zum schwarzen Herzen des Irak. Sie wird uns alle verschlingen! Auch die Amerikaner!"Ich dachte über seine Worte nach, während wir durch die staubigen Strassen Nadschafs fuhren. In einem Punkt mochte Sultan recht haben: Wenn sich Nadschaf bewegte, dann wankte der gesamte Irak. Ein einflussreicher Mullah hatte mir gerade gesagt: "In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts reichten fünf Worte aus Nadschaf, genau fünf Worte. Ein Sturm erhob sich und fegte die Briten aus dem Land!" Er hatte eine zutreffende historische Beschreibung gegeben. Der Aufstand in den zwanziger Jahren hatte rund 5000 britischen Soldaten das Leben gekostet und das Ende der Kolonialherrschaft herbeigeführt. Sultans Warnung vor dem "schwarzen Herzen" erschien mir ein bisschen übertrieben, aber sie hatte etwas für sich."Was sollte man denn mit den Schiiten machen?", fragte ich ihn.Er hob beide Hände in die Höhe und rief aus: "Man muss sich gegen sie wappnen. Man darf ihnen nicht trauen. Man muss sie niederhalten!"Bevor ich weiter in ihn eindringen konnte, hielten wir vor der Polizeistation. Ich wollte mich nach der Sicherheitslage in Nadschaf erkundigen. Kaum waren wir ausgestiegen, kamen uns mehrere Polizisten entgegen und begrüßten uns freudig. Ein Hauptmann zerquetschte mit seiner Pranke meine Hand und zog mich in sein Büro wie einen frisch verhafteten Dieb. Bis auf einen Schreibtisch und einige Stühle war der Raum völlig kahl. Ich setzte mich hin. Der Hauptmann schaute mich neugierig an. Weitere Polizisten drängten sich durch die Tür, jeder von ihnen größer, kräftiger, grobschlächtiger als der andere. Ich kam mir vor wie in einem Käfig voller riesiger, ungeschlachter Wesen, die trotz ihres zur Schau getragenen Lächelns, ihre drohende Ausstrahlung nicht verloren.Das Gespräch, das sich entwickelte, lässt sich schnell zusammenfassen. Die Polizisten sagten alles sei normal, alles sei ruhig, mal abgesehen davon, und genauso äußerte sich der Hauptmann, "dass ab und zu eine Bombe hochgeht und ein paar Menschen tötet." In Wirklichkeit berichteten sie nichts. Sie wollten einem Fremden keine Informationen geben, aber sie wollten ihn auch nicht verprellen.Sultan hatte sich zu Anfang an dem Gespräch beteiligt, doch war er nach und nach in Schweigen verfallen. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und es schien mir, als spiegelte sich auf seinem Gesicht Enttäuschung und Illusionslosigkeit gleichzeitig. Wann immer der Hauptmann ausrief: "Wir lieben die Amerikaner! Sie haben uns von der Diktatur befreit!" – und er tat dies oft, um seinen neuen Herren die Ehre zu erweisen; wann immer er die Amerikaner hochleben ließ, schien ein Schmerz durch Sultans Körper zu gehen, nichts heftiges, es war eher eine Ziehen und Zwicken. Er konnte diese Huldigung auf den Befreier offensichtlich nicht ertragen. Binnen Sekunden schienen seine Gefühle zu wechseln, er strahlte Gelassenheit aus bis an die Grenze des Zynismus. Ohne, dass er ein Wort sagen musste, gelang es ihm, all das über seine Mimik zu vermitteln. "Ich kenne meine Leute ja. Sie beugen sich der Macht und sonst niemandem! Sie haben keine Ehrgefühl!", das schien er sagen zu wollen. Gebannt schaute ich auf Sultans beredtes Mienenspiel, den Hauptmann und seinen Lobpreisungen hörte ich nur mehr am Rande zu. Nur wenn er es zu weit trieb, wenn er abrutschte in eine unterwürfige Diktion, die an die Diktatur erinnerte, horchte ich auf, erstaunt über so viel Wandlungsfähigkeit.Nach mehr als einer Stunde verabschiedeten uns die Polizisten ebenso herzlich wie sie uns begrüßt hatten. Der Hauptmann zerquetschte wieder meine Hand, und seine Kollegen, allesamt groß wie Kleiderschränke, taten es ihm gleich. Wir fuhren zurück nach Bagdad, schnell, sicher und umfangen von Hassans Gequatsche, das auch die Mühen eines langen Tages nicht beenden konnte.Kurz vor Bagdad unterbrach ich Hassan mit den Worten."Sagen Sie Sultan, was haben Sie eigentlich vor dem Krieg gemacht?""Ich war Manager.""In welcher Branche denn?!"Sicherheit. Sicherheit." Das zweite Mal sprach er das Wort leise aus, mit einem konspirativen Unterton. Bevor ich weiterfragen konnte, fuhr er fort: "Wissen Sie, wir hatten zwei Revolutionen, einige Staatstreiche, Militärcoups. Ich meine, abrupte Wechsel hatten wir viele. Wer immer aber an die Macht kam, der gab bekannt, dass am nächsten Tag alle Staatsbediensteten ohne Ausnahme auf ihren Arbeitplatz erscheinen mussten. Der Staatsapparat funktionierte auf diese Weise immer relativ normal weiter. Erst nach der Machtübernahme ging man dazu über – Schritt für Schritt – die Bürokratie von feindlichen Elementen zu säubern. Der Durchschnittsbürger also blieb von größeren Unannehmlichkeiten verschont!"Dann fügte er in einem donnernden Ton hinzu: "Und was haben diese Amerikaner gemacht. Sie haben die Armee aufgelöst. Einfach so, über Nacht, mit einem Federstrich! Damit haben sie erst die Instabilität erzeugt. Das ist dumm. Wirklich dumm!"Ich hätte Sultan gerne zugestimmt, aber irgendetwas hinderte mich daran. Ich konnte nicht genau sagen, was es war. Ein Gefühl vielleicht, dass ich es hier mit einem Mann zu tun hatte, der das Richtige sagte, aber indem er es tat, etwas Schlimmes beabsichtigte. Es klang mir zu sehr nach Rechtfertigung der Diktatur, nach kaltschnäuzigem Kalkül, nach menschenfeindlicher Machttechnik. Sultan erschien mir wie einer, der seinen scharfen Verstand ohne Skrupel einsetzen konnte, um das zu garantieren, was ihm das höchste Gut erschien: Ruhe um jeden Preis.Als wir in Bagdad ankamen, ging die Sonne bereits unter. Die Strassen leerten sich Die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück aus Furcht vor Räubern, Dieben und Amerikanern. Sultan parkte vor dem Hotel. Noch einmal blickte ich auf seine Haarpracht, die sich im Dunkel der einbrechenden Nacht auflöste."Wie auch immer", sagte er "die Dinge werden nicht so bleiben, wie sie sind."Mit diesem geheimnisvollen Satz ließ er mich allein. Ich ging in mein Zimmer und schaltete den Fernseher ein. Ein arabischer Nachrichtensender übertrug eine Botschaft Saddam Husseins aus dem Untergrund. Er richtete sich an sein Volk. Die Stimme des Diktators klang drohend. Ich schloss die Augen und hörte den Worten zu, die ich nicht verstand. Sicher rief er wieder zum Heiligen Krieg gegen die Invasoren auf. Wie mochte er wohl argumentieren, woran konnte dieser Mensch anknüpfen, wenn er wirklich die Hoffnung haben wollte, dass ihm sein vom ihm selbst geschundenes Volk noch folgen sollte?Während ich mich das fragte, fiel mir Sultan und seine über den Tag verstreuten Bemerkungen ein. Sein Stolz auf die Militärmacht; sein kaum verborgener Hass auf die Amerikaner; sein Misstrauen gegenüber den Schiiten; seine kühlen Worte über die Art und Weise, wie in diesem Land Machtwechsel herbeigeführt wurden; sein kryptischer Satz über die Zukunft. Plötzlich fügte sich das alles zusammen, wie ein Puzzle ergab es ein Bild. Könnte nicht der Diktator, dessen Stimme immer noch über den Äther kam, könnte er nicht ebenso argumentieren? Wäre es nicht die beste Art, die Irakis zu sammeln?Tatsächlich. Sultan hatte so argumentiert, wie Saddam es tun musste, wenn er Aussicht auf Erfolg haben wollte.Ich ging auf den Balkon hinaus. Der Tigris floss träge dahin. Auf der anderen Seite des Ufers konnte ich das weitläufige Gelände von Saddams Präsidentenpalast noch schemenhaft erkennen.Wo er jetzt wohl war?"Er ist ein Meister der Verstellung. Ich bin mir sicher, dass er sein Gesicht durch einen chirurgischen Eingriff ändern hat lassen". Das hatte mir am Morgen ein Mann gesagt, der für eine Sicherheitsfirma arbeitete; dies war auch die verbreitete Meinung unter den Verfolgern Saddams. Das erklärte auch, warum sie ihn nicht finden konnten.Wieder fiel mir Sultan ein, sein getöntes Haar, sein maskenhaftes Gesicht, das verzerrte Minenspiel in der Polizeistation, all das Künstliche, Unnatürliche an ihm. Er sah so aus, als hätte er gerade einen Eingriff hinter sich.Sagen Sie mir? Bin ich verrückt geworden? Mag sein, ich weiß es nicht. Entscheiden Sie selbst. Aber denken Sie daran, Saddam hat viele Gesichter.P.S. In dieser Nacht bin ich noch einmal aufgestanden und habe eine Biographie über Saddam zur Hand genommen. Sollte das Buch Saddams Reisen durch das Land vollständig wiedergeben, dann war Saddam vor zwanzig Jahren das letzte Mal in Nadschaf – genauso wie Sultan.