Was ist schlimmer als eine unerwartete Katastrophe? Nun: eine erwartete Katastrophe! Zum Beispiel für die Vertreter der Arbeiterklasse in Bayern. Das lähmende an dem bayerischen Wahlergebnis liegt in der Tatsache, dass es eigentlich alarmierend sein müsste – aber dass es niemanden aufregt, weil niemand etwas anderes erwartet hat. Und: dass im Grunde fast jeder mit dem Ergebnis zufrieden ist – übrigens selbst das Lager der Verlierer. Aber nun Schritt für Schritt: Im Grunde muss man doch fast lachen: Da fährt die CSU eine Zweidrittelmehrheit ein – und die Medien wollen dieses famose Ergebnis umdeuten in ein Problem für die CDU/CSU. (Hätte die CSU keine Zweidrittelmehrheit erlangt, hätten dieselben Medien kein Problem darin gesehen, auch daraus ein Problem für die Union zu machen.) Also lassen wir die vermeintlichen oder wirklichen Schwierigkeiten der Union einfach beiseite. Bis es zur Bundestagswahl 2006 kommt, fließt noch viel Wasser hinunter, sei es die Isar, sei es die Spree. Die eigentlich dramatische Frage ist eine andere: Was bedeutet es für ein demokratisches System, wenn eine Mehrheitspartei zu einer Zweidrittelmehrheitspartei wird? Und das anders als in den 100-Prozent-Wahlergebnissen der real-sozialistischen Diktaturen: Durch freie Zustimmung der Wähler. Was also bedeutet es für eine parlamentarische Regierungsweise, wenn das Minimalerfordernis Karl Poppers zur Utopie wird, nämlich die Chance, eine gegenwärtige Regierung blutlos los zu werden – und zwar deshalb zur Utopie wird, weil die Opposition völlig blutleer ist. Wer sollte sich denn noch, verfügte er über eine gewisse politische Begabung, in Bayern für die Opposition engagieren. Die streitbare bayerische Liberale Hildegard Hamm-Brücher hatte schon vor Jahrzehnten gesagt: Wer in Bayern Opposition betreiben wolle, könne genauso gut den Mond anbellen. Inzwischen muss man schon sagen: Könnte genauso gut den Mars anblaffen. Das Interessante an Bayern ist nun freilich dieses: Mit der Ausnahme eines gewissen Franz Josef Strauß, der in seiner Zeit als Ministerpräsident von Wahl zu Wahl immer Stimmen verloren hatte, war Bayern stets von Ministerpräsidenten regiert worden, die letztlich keine Wählergruppe wirklich provozieren wollten. Und selbst Strauß mahnte seine Funktionäre ständig, sie sollten sich nicht dauernd in der Champagneretage herumtreiben, sondern auch an die Leberkäs-Etage denken. Man mag über Einzelheiten der CSU-Politik streiten, man mag Versagen in der bayerischen Staatsregierung beklagen und die Verantwortung höchster Ränge einfordern – eines bleibt doch: Die Tatsache, dass die christlich- soziale Union stets eine Politik des aufmerksamen Populismus getrieben hat. Und dass das auf Montgelas zurückgehende Amtsethos der durch und durch konservativen Staatsverwaltung erhalten geblieben – und nach Strauß und Streibl – zu beachtlichen Teilen wieder rekonstruiert worden ist, ausgerechnet durch Strauß’ Meisterschüler und – Knecht Stoiber. Denn wo sind die Tandlers und Gauweilers und Strauß jr.s heute, diese Spezl’n? Das merkwürdige an dem bayerischen Regime ist also die Legierung aus einem wachsamen Populismus, der auch gegen die Arroganz der (Über-)Macht immun bleibt – und dem Lebensgefühl eines Erfolgs in schöner Landschaft. Die Frage ist nur: Wann zerbricht diese Legierung – und was passiert, wenn es dann keine glaubwürdige, also auch gefährliche Opposition gibt?Und nun noch ein Wort zu Stoiber: Wir wollen einmal sehen, ob er seine Grenzen erkennen kann. Bundespräsident? Das wäre aus seiner Position nur etwas, wenn seine Eitelkeit stärker wäre als die Einschätzung seiner Effektivität. Bundeskanzler? Ein Ministerpräsident, der so stark ist wie der bayerische, kann nun wirklich sagen, es sei ihm gleichgültig, wer unter ihm Kanzler ist. Meine Einschätzung: Edmund Stoiber kann nur verlieren, wenn er mehr gewinnen will. Aber weiß er das?