Gerhard Schröder und George Bush reden wieder miteinander. Warum bloß? Hatte nicht der eine mit Anti-Bushiaden seinen Wahlsieg ergattert, der andere die Deutschen in die verstaubte Ablage "altes Europa" verbannt, wo sie zu "ignorieren" seien?

Warum also? Etwa, weil sie bei der UN-Versammlung in neuer Liebe zueinander entbrannt wären? Die gab es nie, und sie wird auch nie aufflammen, zu tief sitzt das Misstrauen. Nicht in der Seele der beiden möge man also kramen, sondern im Realpolitischen, das die verlässlicheren Erklärungen liefert. Die Antwort ganz knapp: Sie brauchen einander; die lange Entfremdung zwischen "Alt-Europa" und Amerika weicht einem kühleren Kalkül der Interessen.

Der Sieg als Horrorgeschichte

Ein Jahr lang war Schröder persona non grata im Weißen Haus; am 11. August hob Bush den Bannfluch auf: "Deutschland hat eine sehr aktive Rolle in Afghanistan übernommen, und dafür sind wir sehr dankbar." Überdies freue er sich darauf, dem Kanzler höchstpersönlich seinen Dank auszusprechen. Woher diese plötzliche Politesse? Bush: "Die Dinge ändern sich eben."

Ein hübsches Understatement. In diesen Wochen erlebt Bush ein innen- wie weltpolitisches Debakel, das in einer Kabinettsdemokratie zum Sturz des Regierungschefs führen könnte. Sein glänzender militärischer Sieg über Saddam Hussein verkehrt sich in eine politische Horrorstory; seine triumphale Bestätigung bei den Kongresswahlen 2002 (als die Republikaner gegen alle Erfahrung in beiden Häusern zulegten) mündet in den Albtraum einer one-term presidency. Die Wirtschaft wächst zwar, aber die Jobs kehren noch nicht zurück, derweil das Defizit explodiert. 87 Milliarden Dollar für den Irak will Bush vom Kongress haben, doch wetzt die Opposition schon die Säbel: Mehr Geld kriegt er nur, wenn andere Länder 42 Milliarden zuschießen (bislang sind’s nur magere zwei). "Die Realitäten zeigen ihre Macht", notiert Senator Chuck Hagel, ein Parteifreund. Ein Kollege höhnt: "Rumsfeld ist neuerdings so gelehrig wie ein junger Hund."

Auch Gerhard Schröder bedrängen die Realitäten. Auf den Wahl-Prüfstand muss er erst in drei Jahren, doch warten auf ihn in diesem Herbst drei riskante Abstimmungsschlachten im Bundesrat, derweil auf seiner linken Flanke die Parteifreunde den Aufstand proben. Besser also, nur an einer Front zu kämpfen, als sich auch noch mit George W. prügeln zu müssen.

Schwerer aber wiegt eine Außenpolitik, die ein Jahr lang mit hohen Einsätzen gespielt hat, ohne wirklich abzuräumen. Die Revolte gegen den großen Bruder – Gleichgewichtspolitik wie im 19. Jahrhundert statt Bündnispolitik wie in den letzten fünfzig Jahren – hat den Irak-Krieg nicht verhindern, die "Hypermacht" nicht züchtigen können. Die Kosten dieser Überschätzung deutscher Macht wurden dagegen immer deutlicher.

Statt die traditionelle Balance zwischen Frankreich und den USA zu halten (womit die Deutschen sehr gut gefahren sind), hat Schröder sich in die Arme des ewigen Amerika-Rivalen Frankreich geworfen – und so Chiracs Politik radikalisiert. Die strategische Mittlerposition aufzugeben hat das Gewicht dieses Landes nicht verstärkt. Und deshalb die freundliche Friedensofferte, die Schröder just vor seinem New Yorker Auftritt in der New York Times ausgebreitet hat.