Bayern hat gewählt, nun kann Politik gemacht werden. Die Republik darf sich freuen, denn vor ihr liegt eine wahlfreie Zeit. Acht Monate, die Deutschland verändern, ja erneuern können.

Zwar wäre es begreiflich, wenn die SPD, von den bayerischen Wählern schrecklich verprügelt, der Agenda 2010 am liebsten abschwören würde. Wie sollte das dritte Debakel in Folge sie nicht entmutigen? Zum Glück aber beteuert der Kanzler eisern: Die Reformen gehen weiter.

Schwankte Schröder jetzt, die ganze Mühsal, mit der er seine Partei unter das Reformjoch gezwungen hat, wäre vergeblich gewesen. Verlöre er die Nerven, die Truppen hinter ihm würden auseinander stieben und sich in die geliebte Programmarbeit flüchten: Demokratischer Sozialismus in den Zeiten des Turbokapitalismus! Und hinten, weit an der Saar würde ein pensioniertes Schlachtross noch gieriger auf den Ruf der Trompete warten.

Das fehlte dem Land gerade noch – dass im Kampf gegen Massenarbeitslosigkeit und Nullwachstum, gegen den Kollaps von Renten- und Gesundheitsfinanzen die Reformer auf halber Strecke der Mut verlässt. Der Niedergang der SPD wäre bundesweit nicht aufzuhalten. Und er wäre verdient.

Schröder, der Stimmungsdemokrat, muss diesmal seiner Überzeugung folgen, getreu dem "Tina"-Prinzip Margaret Thatchers: "There is no alternative." Er darf sich auch nicht davon beirren lassen, dass der Beifall von der falschen Seite kommt, dass die Arbeitgeber ihn loben und die Gewerkschaften ihn verwünschen. BDI-Chef Michael Rogowski, der seinen Reformkongress exakt auf den Tag nach der Bayernwahl legte, hat ja Recht, wenn er fordert, den deutschen Adler "zu befreien, zu entfesseln, damit er wieder fliegen kann". Dem Sozialdemokraten Schröder traut er dies eher zu als den Unionisten Merkel und Stoiber.

Angela Merkel mag das zu denken geben, wie es sie auch grämen muss, dass die Wähler die SPD, nicht die Union, als Motor der Reformen wahrnehmen – auch wenn sie die Sozialdemokraten zunächst dafür bestrafen. Wem aber werden sie es danken, wenn der Wandel greift? Durch Blockaden im Bundesrat würden sich CDU und CSU als Reformkraft jedenfalls nicht empfehlen.

Vorschlag an die Taktiker in Regierung und Opposition: Machtspiele unterbrechen und zur Abwechslung an das Land denken. Kooperieren, weil die Lage es erfordert: Das mag für Koch und Merkel, Scholz und Schröder zwar ungewohnt genug sein. Aber genau so könnte es kommen.

Da ist, zum einen, das Zeitfenster bis zur Europa-Wahl im Juni 2004. Da wurde, zum anderen, die harte Vorarbeit bereits geleistet. Die wichtigen Gesetzesentwürfe liegen auf dem Tisch. "Wir haben im Herbst einen verflucht dicken gordischen Knoten, den wir gemeinsam durchhauen müssen", sagt Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust. "Die Union wird sich nicht verweigern."