Zu den Großen der Heilkunde soll ebenfalls der Zahnmediziner Eugen Wannenmacher gehören, 1897 in Aufen bei Donaueschingen geboren und 1974 in Münster gestorben. Über ihn ist zu lesen: "Seit 1929 a. o. [außerordentlicher] Prof. an der Univ. Berlin, folgte er 1955 einem Ruf an die Univ. Münster. W. beschäftigte sich mit der Histologie und der Pathohistologie des Gebisses, der Biologie des Kauorgans sowie mit der Behandlung und Verhütung von Parodontose und Karies." Diese Beschäftigung unterscheidet ihn kaum von einem normalen Zahnarzt. Der Unterschied liegt in der unterschlagenen Nazikarriere: Wannenmacher war SS-Sturmbannführer, Angehöriger der Dienststelle Reichsarzt-SS und im Wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt.

Sogar der Internist und SS-Hauptsturmführer Kurt Gutzeit, am 2. Juni 1893 in Berlin geboren, zählt für die DBE zu den wichtigsten Deutschen seit dem frühen Mittelalter. Gutzeit wurde 1934 Ordinarius der "Grenzlanduniversität" Breslau, war Parteigenosse und im NS-Dozentenbund. Er denunzierte 1938 den nationalsozialistischen Rektor Martin Staemmler wegen dessen Kontakte zum Chirurgen Karl Heinrich Bauer, der eine "Vierteljüdin" geheiratet hatte: "Es ist geradezu ein unerträglicher Zustand, dass dieser Einfluß eines jüdisch versippten Fakultätsmitglieds […] durch die Persönlichkeit des Rektors zur Geltung gebracht wird."

Gutzeit war zudem Beratender Internist beim Heeressanitätsinspekteur. Er hielt bei "bösartigen Störern" in der Wehrmacht KZ-Internierung für angebracht und koordinierte Übertragungsversuche von Hepatitis, die Leberschädigungen erzeugten. 1944 schreibt er über einen Arzt, der ihm bei Versuchen an jüdischen Kindern aus Auschwitz zu zögernd vorging: "Komisch, wie schwer [bei Versuchen] der Schritt vom Tier zum Menschen ist, aber schließlich und endlich ist das letztere ja doch die Hauptsache." 1944 wurde Gutzeit das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern zuteil.

Die Spätfolgen der Persilscheinliteratur

Nach 1945 kehrte der SS-Hauptsturmführer nicht mehr an die Universität zurück, leitete vielmehr das Sanatorium Herzoghöhe in Bayreuth und danach die Klinik Fürstenhof in Bad Wildungen. Im Sommer 1957 bemühte sich die Marburger Philipps-Universität, "den aus Breslau vertriebenen Ordinarius" wenigstens zum Honorarprofessor zu machen. Vor der Ernennung starb Gutzeit am 28. Oktober 1957 in einer Marburger Klinik. Die Todesanzeige in der Waldeckischen Landeszeitung bittet um Spenden an die Stille Hilfe, eine Hilfsorganisation für inhaftierte Nazitäter.

In den ersten Jahren nach dem Krieg versuchten die Alliierten, Nationalsozialisten in führenden Positionen aus ihren Ämtern zu entfernen. Die so genannte Entnazifizierung setzte eine gigantische Lügenliteratur in Gang, im Volksmund "Persilschein-Ausstellen" genannt. Fast jeder bescheinigte fast jedem alles. So verwandelten sich Hitlers Parteigenossen zu Mitläufern und "inneren" Widerstandskämpfern. Gutzeits Entnazifizierungsverfahren endete beispielsweise im Herbst 1948 in München. Auch hier finden sich die üblichen Persilschein-Geschichten, wonach er beispielsweise Weihnachtsfeiern in der Klinik toleriert habe. Gutzeit wurde "als Vertreter hohen Menschentums" laufen gelassen.

Die Deutsche Biographische Enzyklopädie spiegelt diese Entnazifizierung gerade im Wissenschaftsbereich aufs Schönste. Es gibt keine Nazis mehr. Selbst die ranghöchsten Mediziner in Himmlers Schutzstaffel, die Elite des Naziterrors, kommen als ehrbare Ordinarien zu Lexikon-Ehren.