F ür Roland Koch unterbricht der Chef der Deutschen Bank sogar seinen Urlaub. "Wir haben vor allem ein Interesse: Frankfurt soll stark bleiben", flötete Josef Ackermann, als er den hessischen Ministerpräsidenten im Sommer durch den Handelssaal der Bank führte.

Frankfurt? Stark bleiben? Und das aus dem Mund eines Bankers, der immer betont hatte, wie gleichgültig es sei, von wo aus ein global arbeitendes Geldhaus operiere? Inzwischen hat Ackermann den Lokalpatrioten in sich entdeckt. Vor wenigen Monaten rief der 55-Jährige die Initiative Finanzstandort Deutschland (IFD) ins Leben: Gemeinsam mit Finanzminister Hans Eichel und Bundesbankpräsident Ernst Welteke sollen die Vorstandschefs der wichtigsten Geldinstitute das Land für Anleger attraktiver machen.

Doch erst seit vergangenem Freitag ist klar, warum sich Ackermann neuerdings für den Standort Deutschland engagiert – damit sich die Deutschen für ihn, den Banker, engagieren.

Nicht ohne Erfolg: Kaum wurde bekannt, dass sich der Schweizer vor dem Düsseldorfer Landgericht verantworten muss, konnte sich Ackermann vor Unterstützung kaum retten. Der Prozess schade dem Finanzplatz, schimpfte Dieter Rampl, der Chef der HypoVereinsbank. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel beklagte einen "Schlag gegen den Wirtschaftsstandort". Auch Rot-Grün gab Rückendeckung: Finanzminister Eichel betonte die Integrität des Angeklagten, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement mahnte, dass dieses Verfahren "nicht nur von Deutschland aus mit größter Aufmerksamkeit beobachtet" werde.

Es ist der spektakulärste Wirtschaftsprozess in der Geschichte der Bundesrepublik. Es geht um fast 60 Millionen Euro, die im Zuge der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone im Frühjahr 2000 an Manager und Aufsichtsräte geflossen sind. Um Josef Ackermann, der als Aufseher bei Mannesmann die Millionenprämien genehmigte. Um weitere prominente Angeklagte wie den ehemaligen IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, der mit Ackermann bei Mannesmann im Aufsichtsrat saß und jetzt mit ihm auf der Anklagebank Platz nehmen muss. Es wird ein Spektakel geben, im Saal L 111 des Düsseldorfer Landgerichts, ein mediales Schaulaufen, bei dem sich Hunderte Fotografen darum balgen werden, die besten Bilder zu schießen. Geldadel und Gewerkschafter vor Gericht, so etwas bewegt die Nation.

Und dennoch ist es wichtig, dass dieser Prozess stattfindet.

Längst ist die Frage der angemessenen Entlohnung von Managern keine rein deutsche mehr. In den USA wurde vor wenigen Tagen der New Yorker Börsenchef Richard Grasso aus dem Amt gejagt, weil er sich ein Paket aus Prämien und Pensionsansprüchen von 190 Millionen Dollar schnüren ließ. In Großbritannien revoltierten die Aktionäre des Pharma-Multis GlaxoSmithKline gegen eine Abfindungsregelung für den Konzernchef im Wert von bis zu 36 Millionen Dollar. Der britische Industrieverband hat gerade erst eigene Standards für Abfindungen vorgelegt, um "die Reputation der Geschäftswelt in der Gesellschaft zu verbessern".

Enron, WorldCom und all die anderen Skandale um gierige Manager haben weltweit für Aufsehen gesorgt – und für die entsprechenden Konsequenzen. So könnte der Prozess um die Millionenzahlungen im Fall Mannesmann – ganz unabhängig von den juristischen Feinheiten – endlich auch hierzulande eine breite Diskussion anstoßen: Wo hört in der globalen Wirtschaftswelt eine leistungsgerechte Bezahlung auf, wo fängt Selbstbedienung an? Wie gut arbeiten Aufsichtsräte wirklich, und wie verbessert man die Unternehmenskontrolle? Warum handeln die meisten deutschen Vorstände ihr Gehalt lieber im Hinterzimmer aus, statt offen zu sagen, wie viel jeder Einzelne von ihnen verdient?