Unser Freund Ossi will nicht mehr. Mit fuchtelnden Armen steht er im Eingang seiner Malt-Whisky-Bar, der kleinen, gemütlichen Zufluchtsstätte im Schatten des Hamburger Michels. "Ich kann das nicht mehr!", schreit er. "Ich will das nicht mehr! Haut ab!" Ossi!, sagen wir, es ist Samstagabend, kurz nach neun.

"Das ist mir egal! Wenn ich irgendwann vorm lieben Gott stehe und der mich fragt, was ich mit meinem Leben angestellt habe, was soll ich denn da sagen? Dass ich die Leute voll gemacht habe?"

Ja, Ossi, wir finden, das kannst du dann ruhig sagen. So, und jetzt lass uns rein. "Nix. Schluss. Geht woandershin. Hier ist dicht."

Woandershin. Das sagt sich so leicht. Klar, wir können auch woanders einen Whisky trinken. Aber der wird nicht so gut schmecken wie bei Ossi. Whisky zu genießen ist eine komplizierte Sache. Es gibt nur ganz wenige Plätze auf der Welt, an denen das geht. Machen Sie mal folgendes Experiment: Besorgen Sie sich eine Flasche zehn oder zwölf Jahre alten schottischen Malz-Whisky, zum Beispiel einen Laphroaig von der Hebrideninsel Islay. Stellen Sie sich damit an einem späten Freitagnachmittag an den Bahnsteig eines Großstadtbahnhofs, und nehmen Sie einen Schluck. Ein schmierig-gummiartiger Geruch wird Ihnen aus einer urinfarbenen Flüssigkeit entgegenschlagen. Sie wird schmecken wie eine Mischung aus Aspirin und Dieselöl.

Wiederholen Sie das Ganze an einem frühen Samstagabend vor dem Feldsteinkamin eines schottischen Bauernhauses, in dem ein Feuer aus Torfschollen lodert. Der Laphroaig wird Ihnen vielleicht immer noch ein bisschen schweflig vorkommen. Aber Ihre Nase wird glauben, Sie stünden an einem verträumten Fischerhafen. Ihre Augen werden überzeugt sein, sie blickten in den Sonnenuntergang. Ihre Zunge wird glauben, dass sie die Flut schmecke. Und Ihre Hände werden das Gefühl haben, sie hissten das Ankertau.

Man kann Whisky nicht einfach in irgendeiner Kneipe treffen wie einen flüchtigen Bekannten. Er braucht Aufmerksamkeit und Ruhe. Und weil es so wenige schottische Bauernhäuser in Hamburg gibt, war es so schön, dass es Ossis Kneipe gab. Und jetzt hat er aus irgendeinem moralischen Impuls heraus keine Lust mehr, Alkohol unters Volk zu bringen. Wir verstehen nur, dass wir ein neues Sanktuarium brauchen. Und wohin zieht es Heimatlose in Hamburg? Logisch, ins Hotel Atlantic.

Was hat Ossi immer gesagt? "Wichtig beim Whiskytrinken ist, dass nicht so viele Leute da rumschnattern." Im Atlantic wird nicht geschnattert. Nur ein prächtiger Marmorbrunnen blubbert in der Mitte des großzügigen Atriumgartens vor sich hin, und im Hintergrund parliert leise ein Piano. Probieren wir es mit einem Glenmorangie, 18 Jahre alt.

18 Jahre, das ist unter Whiskys ein ehrfurchtgebietendes Alter. Das Destillat ist so lange in einem alten Sherry-Fass gereift, wie es hierzulande dauert, bis man als wahlberechtigt gilt. Die schottischen Staatsbürgerschaftsrechte bekommt ein Whisky indes schon nach drei Jahren. Nach dieser Lagerzeit darf er sich "Scotch" nennen. Im Fass entwickelt sich der rohe 70-prozentige Fusel zu einer gepflegten Persönlichkeit, bis er mit gesellschaftsfähigen 40 bis 45 Prozent Alkohol in die Flasche gefüllt wird. Unser Glenmorangie hat dem Eichenholz seine schönsten Pigmente abgetrotzt. Er liegt im Glas wie flüssiger Bernstein. Wir schwenken es behutsam, wie ein Dirigent, der ein Andante einleitet.