Statistiken, Statistiken: 1557 Stunden im Jahr arbeiten deutsche Industriearbeiter, verbreitet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) - dagegen müssten die Franzosen 1605 Stunden und die Amerikaner mehr als 1900 Stunden jährlich ran. Die OECD errechnet, dass ein deutscher Beschäftigter pro Jahr sogar nur 1444 Stunden am Arbeitsplatz verbringe, einzig die Norweger und Niederländer arbeiteten noch weniger.

Anders gesagt: Die Deutschen sind fauler als die Konkurrenz.

Oder doch nicht? Das IW bezieht sich nur auf die tarifliche Soll-Arbeitszeit - und nur auf die Industrie, in der bloß ein knappes Drittel der Beschäftigten arbeitet. Werden dagegen die tatsächlichen Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen gemessen, kommt man zu anderen Ergebnissen: Nach Angaben des französischen Arbeitgeberverbandes arbeiten die Deutschen 1644 Stunden, die Franzosen nur 1624. Die EU-Statistik-Behörde Eurostat befindet überdies, die wöchentliche Arbeitszeit in Deutschland liege über dem EU-Durchschnitt von 35,5 Stunden (siehe Grafik). Und laut Manpower, der weltweit größten Zeitarbeitsfirma, liegen die Deutschen auch bei Urlaub und Feiertagen mit 41 freien Tagen weit hinten: Finnland zähle 49, Italien und Portugal 48, Frankreich und Schweden 47, Spanien 46 und Griechenland 44 freie Tage im Jahr.

Kombinierte man die Angaben von Eurostat mit denen von Manpower, käme man zu dem Ergebnis, dass die Deutschen bei der Jahresarbeitszeit im unteren europäischen Mittelfeld liegen - vor allem, wenn man auch die in Deutschland vergleichsweise geringe Zahl von Ausfalltagen durch Krankheit oder Streiks mit einberechnet. Ein Mysterium bliebe dann freilich, wie die OECD-Statistikabteilung zu ihren Zahlen kommt. Nach eigenen Angaben operiert auch die OECD mit "tatsächlichen" Arbeitsstunden - wie Eurostat.

Möglich also, dass man es mit Winston Churchill halten muss. Der sagte, er glaube nur an Statistiken, die er selbst gefälscht habe. Wem das zu zynisch ist, sollte zumindest so vorsichtig sein wie der Konstanzer Arbeitsforscher Berndt Keller. Nominell sei die Arbeitszeit in Deutschland recht gering, sagt Keller. Tatsächlich aber werde wohl deutlich mehr gearbeitet.