Die Bilder zur Krise können sich die Freizeitweltmeister jeden Tag im Fernsehen ansehen, Zeit genug haben sie ja. Ein verzweifelter Unternehmer beklagt den Konkurs seiner Firma, ein abgekämpfter Finanzminister verkündet weitere Sparmaßnahmen, ein roter Strich zeigt steil nach oben: Die Arbeitslosenquote ist auf 5,3 Prozent gestiegen. Gar nicht faul: Arbeiter am Brandenburger Tor

5,3 Prozent? Damit würde Rot-Grün jede Wahl gewinnen. So niedrig war die Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 22 Jahren nicht mehr.

Die Freizeitweltmeister sind die Holländer. Nirgendwo arbeiten die Leute so wenig wie in den Niederlanden. Auch dort hat die weltweite Wirtschaftskrise breite Spuren hinterlassen, aber in kaum einem anderen Land ist die Arbeitslosigkeit zuvor so stark gesunken. Bis vor kurzem herrschte Vollbeschäftigung.

Kurze Arbeitszeiten und geringe Arbeitslosigkeit? In Deutschland erscheint das neuerdings als Widerspruch. Je mehr sich in den vergangenen Monaten die Wirtschaftsdaten verschlechterten, desto mehr erhöhte sich die gefühlte Faulheit. Politiker, Funktionäre und Unternehmer verkündeten, eine der Ursachen der Krise sei leicht zu finden: Die Deutschen arbeiteten zu wenig.

"Wer unseren Feiertagskalender mit dem anderer Staaten vergleicht, kommt ins Grübeln", meinte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement Mitte Juni.

In ganz Deutschland müsse die 40-Stunden-Woche wieder Pflicht werden, verlangte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel Ende August.

"Wir sind zu satt geworden", sagte Siemens-Chef Heinrich von Pierer vergangene Woche und forderte, den Samstag wieder zum allgemeinen Arbeitstag zu machen.

Weniger freie Tage. Mehr arbeiten. Jeder Einzelne und alle zusammen. Die Ärmel hochkrempeln, das Bruttosozialprodukt steigern, Arbeitsplätze schaffen: alles ganz einfach. "Aus solchen Forderungen spricht die Mentalität der fünziger Jahre", sagt der Münchner Soziologe Wolfgang Bonß. Damals verbrachten Arbeiter oft 45 Stunden pro Woche im Bergwerk oder am Schmelzofen. Damals gehörte Vati am Samstag noch nicht den Kindern. Damals wuchs die Wirtschaft. Damals fand jeder einen Job.