Was man von David Petrie hält, ist wohl eine Frage der Perspektive. Manche nennen den Schotten einfach einen Querulanten. Sie halten ihn für dickköpfig, starrsinnig und verbissen. Anderen gilt er als aufrechter Kämpfer für die Rechte der Europäer. Für sie ist Petrie ein moderner Michael Kohlhaas, einer, der gegen Willkür kämpft. David Petrie selbst sagt: "Ich habe doch keine Wahl."

Die Geschichte des David Petrie handelt von einem Mann, der gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordert, in einem angeblich so freien und gleichen Europa. Sie beginnt Ende der siebziger Jahre. Seit damals kämpft der Schotte darum, als ausländischer Lektor an der Universität von Verona ebenso viel zu verdienen wie seine italienischen Kollegen. Obwohl Petrie mehrere Prozesse gewonnen hat, obwohl sich Europaabgeordnete und die EU-Kommission für ihn und seine Leidensgenossen einsetzten, weigert sich die italienische Regierung, für den gerechten Lohn zu sorgen. Bis heute.

Eigentlich dürfte es Petries Probleme gar nicht geben. Denn schon 1957 schafften die Römischen Verträge die Grundlage für die Europäische Union und damit für einen Binnenmarkt. Seit zehn Jahren gilt der grenzenlose Wirtschaftsraum offiziell als verwirklicht. Überall in Europa könnten die Bürger seither leben, studieren, arbeiten oder ihren Ruhestand verbringen, lobt Binnenmarktkommissar Frits Bolkestein.

Doch die Freiheit haben die Bürger oft nur auf dem Papier. Anfang der Woche erst verabschiedete der Rat zwar wieder eine Richtlinie, die die Freizügigkeit erleichtern soll. Doch wenn Deutsche, Franzosen, Italiener oder Spanier tatsächlich in anderen Ländern arbeiten, einkaufen oder lernen wollen, werden sie von den nationalen Behörden oft systematisch behindert. Das ist manchmal lächerlich, oft ärgerlich, und mitunter gefährdet es regelrecht die Existenz.

"Behörden spielen oft auf Zeit. Sie machen Politik damit, dass die Bürger nicht ewig warten können, wenn sie ihre Rechte als Europäer in Anspruch nehmen wollen", sagt die Europaparlamentarierin Margot Kessler. Die SPD-Frau aus Thüringen kennt viele Fälle wie den von Petrie, denn sie arbeitet seit drei Jahren im Petitionsausschuss des Parlaments. Was ihr immer wieder auffällt: Entweder kennen die nationalen Behörden das europäische Recht gar nicht. Oder sie ignorieren es. Selbst der Ausschuss kann oder will da nicht immer einschreiten: Petries Fall liegt seit 13 Jahren in seinen Aktenschränken.

Beispiele für Hindernisse gibt es reichlich. Die Brüsseler Anwältin Claire Damilano kann stundenlang davon erzählen: vom spanischen Übersetzer, dem in Belgien die Aufenthaltsgenehmigung verweigert werden sollte – obwohl er als Europäer ein Recht darauf hat. Vom englischen Lehrer, der in Frankreich ein niedrigeres Gehalt bekam als die französischen Kollegen, weil die Behörde seine Arbeitsjahre in Großbritannien nicht anerkannte. Von der Deutschen, die in England beim Falschparken erwischt wurde und ein viel höheres Bußgeld zahlen sollte als ihre britischen Freunde.

Claire Damilano hat allen geholfen. Die Anwältin arbeitet bei Ecas, einem Verein, der "Menschen hilft, ihr Recht auf Freizügigkeit in Europa zu verteidigen." 2000 Bürger haben diesen Dienst schon per Telefon (0032-2-548 04 90) oder email (info@ecas.org) genutzt – "und meistens auch Hilfe bekommen", sagt Damilano. Selbst EU-Parlamentarier und die Kommission greifen auf die Dienste von Ecas zurück, denn der Verein handelt schnell und unbürokratisch. Die Ecas-Mitarbeiter rufen bei den Bremsern in den Behörden an, fragen nach, schalten im Zweifel auch Anwälte ein. "Oft geben die Beamten erstaunlich schnell klein bei", sagt die Juristin Damilano und erklärt das so: "Wer will schon gerne dabei ertappt werden, wie er einem Europäer seine Rechte verweigert?"

Als David Petrie vor gut zwei Jahrzehnten nach Italien zog, glaubte er an einen Kontinent, der seine Grenzen für alle Bürger durchlässig machen wollte. Zunächst schien das auch so. Der Schotte fand einen Job an der Universität von Verona, arbeitete als Englischlehrer, heiratete, wurde Vater. Doch anders als seine italienischen Kollegen, die über die Jahre mehrere Gehaltserhöhungen bekamen, verdiente Petrie immer noch das gleiche Gehalt wie zu Beginn seiner Laufbahn. Er beschwerte sich erst leise, dann lauter, und schließlich wurde ihm bedeutet, er könne ja nach Hause ziehen, wenn ihm das nicht passe. Ausländer würden eben nur das Anfangsgehalt verdienen. Petrie zog vor Gericht – und bekam Recht.