Wie findet man einen neuen Bundespräsidenten? Am besten schaut man auf nunmehr 54 Jahre Staatspraxis und acht Amtsinhaber zurück. Die Erfahrungen und Konflikte bündeln sich zu einem aufschlussreichen Porträt und Anforderungsprofil des Amtes.

Theodor Heuss,FDP, blieb als ein populäres Staatsoberhaupt in Erinnerung, wiewohl er kaum als ein starker Präsident bezeichnet werden konnte. Walter Scheel hatte dies in einem Gedenkartikel, kurz vor seiner eigenen Wahl in dieses Amt, einmal so resümiert: Heuss "hat sich nichts leicht gemacht und die Ansprüche seines Amtes da, wo er sie für unabdingbar hielt, auch gegen den Kanzler verteidigt – freilich nicht immer erfolgreich". Nicht einmal in der machtpolitisch unbedeutenden Frage: Was soll die deutsche Nationalhymne sein? Heuss wollte einen neuen Text und ein neues Lied. Aber er konnte sich nicht durchsetzen. Am Ende entwarf er selbst einen Briefwechsel zwischen Kanzler und Präsident: "Daher die erneute Bitte der Bundesregierung, das Hoffmann-Haydn’sche Lied als Nationalhymne anzuerkennen. Bei staatlichen Veranstaltungen soll die dritte Strophe gesungen werden." Heuss begründete sodann den Rückzug von seinem Hymnenprojekt: "Ich weiß heute, dass ich mich täuschte." (Erst nach der Wiedervereinigung setzte Richard von Weizsäcker fest: Nur die dritte Strophe ist die Nationalhymne.)

Heinrich Lübke,CDU, blieb als schwaches Staatsoberhaupt in Erinnerung, obwohl er der einzige Präsident war, der ein offenkundig politisches Ziel erreicht hat – nämlich die Große Koalition. Beim Neujahrsempfang am 4. Januar 1966 lehnte sich Bundeskanzler Erhard regelrecht auf und präsentierte die Glückwünsche der Bundesregierung als "Chef einer kleinen Koalitionsregierung". Lübke blieb in seiner Antwort hart: Nicht "alle Ziele" seien mit einer kleinen Koalition zu erreichen. Bonn hatte einen Eklat und neun Monate später eine Große Koalition. Der Bundespräsident war darin vor allem das Instrument jener, die sich 1964 gegen alle Bedenken für seine Wiederwahl einsetzten. Und es war nicht der starke Präsident, sondern der schwache Kanzler gewesen, der diese Entwicklung beschleunigte.

Gustav Heinemann,SPD, war der erste Bundespräsident, der offen darüber sprach, wie sehr seine Wahl einem Parteikalkül folgte: "ein Stück Machtwechsel". Interessanter für die Kompetenzen des Amtes war freilich eine andere Episode. Der Bundespräsident bedarf zu allen Akten und Verfügungen (auch zu allen wichtigen Reden) der Gegenzeichnung durch ein Mitglied der Bundesregierung. In einer parlamentarischen Demokratie soll es nämlich kein exekutives Handeln geben, das nicht der parlamentarischen Kritik unterliegt. Andererseits soll das Staatsoberhaupt nicht in den Parteienstreit gezogen werden. Die "Contrasignatur" sichert beides: die Homogenität der Staatsleitung und die Möglichkeit, Staatsakte im Parlament zu rügen, indem man sich ersatzweise an den gegenzeichnenden Minister hält.

Zurück zu Heinemann: In die Olympischen Spiele in München 1972 fiel das Attentat auf die israelische Mannschaft. Zum Trauerakt reiste Heinemann zusammen mit Außenminister Walter Scheel an. Im Flugzeug zeigte Heinemann Scheel den Text seiner Rede, in der er sagen wollte, verantwortlich für dieses Attentat seien auch jene Regierungen, die den Terroristen Rückendeckung gaben. Diese Kritik an den arabischen Regimes erschien dem Außenminister allerdings inopportun, Heinemann solle auf diesen Satz verzichten. Heinemann darauf: Dann werde er auf die gesamte Rede verzichten. Scheel knickte ein – und übernahm damit die parlamentarische Verantwortung.