Monsieur Squiban sitzt an der Hafenmole und guckt hinaus, ein Pianist bei seiner Muse wie ein Fischer bei seinem Meer. Es ist nie viel los an diesem Zipfel der Bretagne, man nennt ihn das Weltende, das Finistère - kaum Akkorde hier draußen, weder zu See noch zu Land. Warum sollte Squiban neue erfinden?

Er kann vier Minuten lang mit zwei Akkorden auskommen, das Meer in Squibans Musik, eine Fläche aus Grau und Grün, dreht sich von einer Seite zur anderen, beizeiten fliegen vogelhafte Koloraturen über die Klaviatur. Und der Hörer ist berauscht von dieser Einfachheit und ihren gewaltigen Wirkungen.

Der Minimalismus des Jazzpianisten Didier Squiban hat unter Fachleuten zu maximalen Kontroversen geführt. Die einen verehren ihn als genialen Melancholiker, dessen Solo-Improvisationen beinahe die Künstlerluft eines Keith Jarrett atmen, die anderen halten ihn für einen Billigproduzenten, der immer weniger Einfälle mit immer exotischeren Namen schmücken muss, vorzugsweise von der Landkarte. Jeder Bretone kennt Squibans Alben aus dem Heimatkunde-Unterricht. Sie heißen nach Fischerdörfern und riechen nach Musikgeschichte: die Suiten von Molène, die Variationen von Porz Gwenn, die Images von Rozbras. Squiban hat diese Heimat mit ihren populären Hymnen und verwitterten Weisen nicht nur andächtig im Herz behalten, er hat sie in seine Klaviergesänge eingeschmolzen. Zu den Aufnahmen schob man den Konzertflügel in eine Kirche, hinter dicke Mauern aus keltischer Vorzeit. Monsieur Squiban konnte nur noch nach innen gucken. Das vergangene Jahr führte Squiban durch die Welt, seine bretonischen Klaviermärchen erzählte er in Phnom Penh und Istanbul, Jakarta und Glasgow, Peking und Marrakesch - und die Weltmusik antwortete ihm. Ihr Echo nahm der beherzte Weltenbummler wieder mit in die Kirche und erfand Ballades, seine neue CD (L'Oz Prod. 042/Vertrieb: Sony).

Die formalen Spangen sind jetzt gelockert, Chopin und Coltrane sind die Paten. C'hwec'h, ein Gruß aus Dublin, beginnt raffiniert als pompöser Choral in C-Dur, nimmt aber plötzlich Fahrt auf - Pemp spannt sich zu einer vibrierenden modalen Nummer - und wenn Squiban wie in Tri seine archaischen, von ostinaten Bassfiguren durchpulsten Räume baut, wächst dem kleinsten Element gewaltige Durchschlagskraft zu. Das liegt auch an dem eisernen Timing von Squibans sprungsicherer linker Hand.

Squiban ist in Ballades ungemein zitierfreudig, einmal verbastelt er sogar ein Motiv aus Mendelssohns 4. Sinfonie, der Italienischen. Wer indes die raffinierteste Anspielung der CD begreifen will, sollte ihren Titel von einem Bretonen gesprochen hören - klingt wie balade, zu deutsch: Bummel.