Am Anfang dieses Films wird ein nicht uneitler älterer Herr gezeigt, der sich mit Sorgfalt ankleidet, nach seinen Schlüsseln sucht und das Haus verlässt. Dieser Mann ist Jacques Derrida, ein philosophischer Superstar des akademischen Jetsets. Die Dokumentation Derrida von Kirby Dick und Amy Z. Kofman zeigt den Franzosen als um sein Äußeres besorgten Privatmann, als öffentlichen Intellektuellen und Weltreisenden der Philosophie.

Derrida ist ebenso berühmt wie umstritten. Seine Verehrer sehen ihn in einer Reihe mit einem Platon, Kant, Heidegger, während ihn ein Teil der philosophischen Gemeinschaft lange Zeit als Scharlatan betrachtete, als wissenschaftlich unsolide und politisch bedenklich. Zum Eklat kam es 1992 in Cambridge, als der Vordenker der Postmoderne die Ehrendoktorwürde erhalten sollte – ein Wortspielvirtuose, der sich vor allem durch die These bekannt gemacht hatte, die Wirklichkeit sei nichts anderes als ein Spiel textueller Zeichen: Il n’y a pas dehors du texte, es gibt nichts außerhalb des Textes.

Doch die Zeiten, in denen Derrida als frivole Spielernatur auftrat, sind vorbei, falls es sie je gegeben hat. In den letzten Jahren beschäftigte er sich verstärkt mit ethischen und politischen Fragen. So begleitet ihn der Film auch zu einer Vorlesungsreise nach Südafrika, in Kapstadt besucht Derrida Nelson Mandelas Insel-Gefängnis und spricht vor Studenten über die Möglichkeit von "Vergebung". Als eine weiße Studentin den Philosophen auf die Absurdität aufmerksam macht, die in der Erörterung gerade dieses Themas an diesem Ort vor einem weißen Auditorium liege, entsteht die einzige Szene, in der die ehrfurchtsvolle Haltung des Films gegenüber Derrida zu einem wirklichen Dialog aufgebrochen wird.

Filmisch bedient sich die Dokumentation einer leicht wichtigtuerischen Selbstreflexivität, bei der auch gerne einmal das Produktionsteam mit im Bild erscheint. Albern wird es, wenn die Kamera durch spiegelnde Fensterscheiben in einen Raum späht, in dem Derrida über das Geheimnis redet. Koregisseur Kirby Dick hat vor diesem Film die schräge Dokumentation Sick: The Life and Death of Bob Flanagan, Super-Masochist gedreht. Dass der Filmemacher sich nun einem tief von europäischer Hochkultur durchdrungenen Philosophen zugewendet hat, mag erstaunen. Es hat aber eine gewisse Logik, wurde im Umfeld der amerikanischen Cultural Studies doch schon früh das politische Potenzial des Derridaschen Denkens erkannt, das binäre Oppositionen hinterfragt. Zu diesen gehört der Gegensatz von deviant und normal. Auch solches Umschmieden einer komplexen philosophischen Lektürestrategie zur identitätspolitischen Waffe ist Teil der Derridaschen Rezeptionsgeschichte und somit auch der Vorgeschichte dieser Dokumentation. Kofman und Dicks Film entwirft freilich ein weitergehendes Porträt Derridas als selbstbewussten Performer und geistreichen Intellektuellen, der auf ein Stichwort der Interviewer zu philosophieren beginnt. Wenn Derrida über die Zukunft als a-venir , als unkontrollierbares Ereignis, spricht oder über wahre Liebe, die sich auf die Singularität eines anderen Menschen beziehe, so berührt er noch dort, wo sich der Zuschauer des Eindrucks gespreizter Banalität nicht ganz erwehren kann.

Warum der Film Derrida auch noch zum Friseur begleitet und dem Fallen seiner Locken nachblickt, bleibt ein Rätsel. Man muss es wohl als zeitgenössisches Pendant zur Reliquienverehrung verstehen.