Tengen/Baden-Württemberg

Tengen im Hegau, das ist unsere Toskana. Nur ohne urlaubende Bundestagsabgeordnete und Minister. Von den sanft geschwungenen Kämmen über der Stadt sind die Alpen zu sehen, der Bodensee, der Schwarzwald. Zürich liegt vor der Tür.

Wenn der Fußball vom grünen Rasen der Tengener Gemeinde Wiechs ins Aus rollt, muss er aus der Schweiz eingeworfen werden. Auf der Seitenlinie des winzigen Stadions verläuft die Grenze. Ein Spiel auf deutschem Boden, das der Assistent des Schiedsrichters mit seiner Fahne vom Kanton Schaffhausen aus unterbrechen kann. Die Falken und Habichte in der Luft stört kein Torschrei.

Nach dem Spiel ist vor dem Anflug der Reiher. Je größer die Trockenheit, desto häufiger landen sie auf dem gepflegten Rasen.

Was dieses idyllische Bild nicht zeigt, sind die Pleitegeier, die über Tengen und seinen Gemeinden kreisen. Pleitegeier haben derzeit viel zu tun in deutschen Städten, von Anklam über Duisburg, Offenbach bis Saarbrücken. Sie ziehen ihre Brut vor allem in den Steuerschlupflöchern für die großen Unternehmen auf. Doch was suchen sie in Tengen? Wo es doch gar keinen mächtigen Konzern gibt, der die Gemeinde mit legalen Tricks um ihre Gewerbesteuer bringen kann?

Tengen im Landkreis Konstanz zeigt, dass heute kein Fleckchen mehr versteckt genug liegen kann, um nicht direkt in die Fänge von Bund, Land und EU zu geraten. "Es sind die Fremdauflagen aus Brüssel, Berlin und Baden-Württemberg, die uns in den Bankrott treiben - und nicht die Schulden durch eigene Ausgaben", klagt Bürgermeister Helmut Gross. "Wir haben nichts mehr zu sagen, sondern nur noch Vorschriften zu erfüllen. Die Selbstverwaltung der Städte gibt es nur noch im Grundgesetz."

Die Gerichtslinde. Für die frühere Selbstständigkeit steht die Linde aus dem Mittelalter. Seit mindestens 1478 sind unter ihr die Tengener Gerichtstage abgehalten worden, über Jahrhunderte hinweg. Ein Blitzschlag hat den Baum 1960 gespalten. Er blüht geteilt weiter. Die alten Höfe ringsum sind eingegangen. Die Auflösung der ländlichen Großfamilie verlangte nach neuem Wohnraum, damit die Gemeinden ihre Einwohner halten konnten.