Emil Fackenheim, einer der wichtigsten jüdischen Denker der Gegenwart, ist tot. Er wurde 1916 in Halle geboren, wo er vor dem Zweiten Weltkrieg als letzter Jude an der Universität studierte und 55 Jahre später als erster Jude dort wieder einen Vortrag hielt. Der Holocaust, dem der Philosoph und Rabbiner via Schottland entkommen konnte, hatte sein Lebenswerk tief geprägt.

Er galt als der erste Intellektuelle, der sich mit dem Thema "Theologie nach Auschwitz" befasste. Es gebe keine Möglichkeit, dem Holocaust eine Bedeutung zu geben, erklärte er 1994 - der sei eine Katastrophe gewesen, die dem jüdischen Glauben ein Ende hätte setzen können, und für viele habe er dies getan. Aber es sei oberflächlich, einfach zu sagen, es gebe keinen Gott.

Diesen müsse man vielmehr herausfordern und eine neue Seite in der jüdischen Geschichte aufschlagen. Fackenheims wohl bekannteste Erklärung bestand in der Erweiterung der 613 Mitzwoth (Gebote im jüdischen Glauben). So fügte ein 614.

hinzu: Man dürfe Hitler keinesfalls mit einem nachträglichen Sieg belohnen.

Hinter diesem Satz verbirgt sich ein lebenlanges Forschen danach, wie Judentum und jüdische Existenz im Schatten der Todeslager bedeutungsvoll bleiben können. Fackenheim ist im Alter von 87 Jahren in Jerusalem gestorben, wohin es ihn 1983 nach einer erfolgreichen Karriere in Kanada gezogen hatte.