Paris

Besucher der Premiere von Good Bye, Lenin!, die kürzlich aus dem Kino des Arbeiterstadtteils Courneuve im Pariser Norden wieder auf die Straße traten, hatten das Gefühl, draußen gehe der Film weiter. Überall flatterten Spruchbänder und Flugblätter mit Revolutionsparolen. Aber die Requisiten waren echt. Denn nebenan feierten die Kommunisten gerade ihre Fête de l’Humanité, die mit Fressbuden und Veranstaltungszelten jedes Jahr Hunderttausende anzieht.

Der Anblick von Proletarierfamilien, die auf dem Wiesenfest der Linken Champagner und Austern schlürfen, macht immer noch einen Teil der exception culturelle Frankreichs in der Welt aus. Doch das Alltagsleben der Menschen wird derzeit von einem Ausmaß von Wehmut und Selbstzerknirschung beherrscht, das der aktuellen deutschen Depression nicht nachsteht. Erst waren im Frühjahr und Sommer die Transportarbeiter, Verwaltungsbeamten, Lehrer und Künstler auf die Barrikaden gegangen. Doch weil sie es trotz der heftigsten Streikwellen seit dem Katastrophenjahr 1995 nicht geschafft hatten, die Regierung von ihrem sanften Spar- und Reformkurs abzubringen, sind sie mitsamt der parlamentarischen Opposition in mal melancholische, mal aggressive Frustration verfallen.

Vordemokratischer Cäsaro-Papismus an der Seine

Nun aber attackieren bürgerlich-konservative Revolutionäre die rechtsliberale Regierung von Jean-Pierre Raffarin. Ihr zentraler Kampfbegriff heißt le déclin français , der Niedergang Frankreichs. Das ist der traditionelle Topos der Rechten, die seit dem Untergang von Napoléons Imperium die verlorene Größe ihres Landes betrauerten. Neu jedoch ist der überbordende francopessimisme , eine schlechte Stimmung, wie sie das Land seit den dreißiger Jahren nicht mehr kannte.

Die einhellige Kritik lautet: Frankreichs Institutionen sind verfettet, das Staatsdefizit wird untragbar, die Verteidigung ist antiquiert, das politische Personal unfähig und der Bürger verantwortungslos. "Der Niedergang der politischen Sitten ist ebenso dramatisch wie der Verlust an wirtschaftlicher Dynamik," schimpft Le Figaro. Die gleiche Klage stimmt Claude Imbert von Le Point an: "Der Niedergang Frankreichs ist unabweisbar, weil wir es im Gegensatz zu den britischen und deutschen Sozialisten nicht schaffen, unseren Staatsapparat auf Diät zu setzen." Und Dauernörgler Maurice Druon von der Académie Française hat bereits kapituliert: "Wir sind nicht mehr ein Land der freien Menschen, sondern der fußkranken Bettler, die beim Staat eine Krücke ergattern wollen."

Die Verzweiflung über das Staatsdefizit, das mit dem deutschen vergleichbar ist, die hohe Arbeitslosigkeit und die stagnierende Wirtschaft hat eine Intensität erreicht, die mit der üblichen Herbstdepression nicht zu erklären ist. Adieu à la France heißt ein verheulter Abgesang des Schriftstellers Jean-Marie Rouart von der Académie Française auf Frankreichs einstige kulturelle, militärische und historische Vorrangstellung. "Frankreichs Feigheit" nennt der eher regierungsferne Publizist André Bercoff seine jüngste Polemik, in der er bis auf die französische Küche nichts unkritisiert lässt. Und der Journalist Alain Duhamel hat in seiner Schrift "Die französische Verwirrung" gleich vier Formen der "nationalen Pathologie" ausgemacht: die Nostalgie der Souveränisten, die Archaik der linken Globalisierungsgegner, den konservativen Korporatismus, aber auch die blinde Liebe zum angelsächsischen Liberalismus.

Doch der größte Apokalyptiker heißt Nicolas Baverez. Er ist 42 Jahre alt, arbeitet als erfolgreicher Wirtschaftsanwalt in einer Pariser Kanzlei und blickt von seinem luxuriösen Büro auf Louvre und Tuilerien-Garten. In seiner Brandschrift La France qui tombe (Frankreichs Fall) läßt der gefragte Jurist und Politikberater kein gutes Haar an seinem Land. "Der Niedergang," sagt Baverez, "ist nicht nur ökonomisch, sondern auch intellektuell, moralisch und spirituell bedingt. Er berührt zutiefst die Identität, die Werte und die historische Bestimmung unseres Landes."