Drei Jahrzehnte mussten die Berichterstatter zurückblättern im großen Buch des Freistaats, um das Ereignis vom vergangenen Sonntag einzuordnen. 1974 hatte der damalige Ministerpräsident Alfons Goppel bei der Landtagswahl 62,1 Prozent der Stimmen erhalten - eine Rekordmarke, die auch nach Stoibers Triumph bestehen bleibt. Doch von diesem Gipfel aus, so die Auguren, sei es für Goppel steil bergab gegangen. 1978 musste er seinen Platz für Franz Josef Strauß räumen - bereits 1976 hatte ein junger Landtagsabgeordneter der CSU öffentlich Goppels Rücktritt gefordert.

Heute mag der junge Abgeordnete von damals ahnen, dass auch er seinen schönsten Tag als Ministerpräsident bereits hinter sich hat. Jedenfalls formulierte Edmund Stoiber am Wahlabend gewohnt verschlungen, dieser Tag "geht als einmaliger Tag bei mir ein". Doch anders als Goppel braucht Stoiber einen Aufstand aus den eigenen Reihen nicht zu befürchten. Es fehlt ein Strauß, der auf seinen Sessel drängt - und ein junger Abgeordneter, der seinen Rücktritt fordern würde, ist nicht in Sicht.

Was wiederum nicht heißt, dass man sich in der CSU nach zehn Jahren praktiziertem Stoiberismus über die Zukunft gar keine Gedanken mehr machen würde. Im Gegenteil: Vor einem Jahr, als Stoiber beinahe nach Berlin befördert worden wäre, hatte das Nachfolgekarussell in München bereits ein paar hübsche Runden gedreht. Doch alle Kandidaten, die damals gehandelt wurden, sind entweder aus Altersgründen ausgeschieden (Alois Glück, 63) oder werden, wenn es wirklich noch einmal fünf Jahre dauern sollte, aus Altersgründen ausgeschieden sein (Erwin Huber, 57, Günther Beckstein, 59).

Die Generation Stoiber, so viel steht fest, wird gemeinsam abtreten.

Anders ist das mit Monika Hohlmeier, 41. Die bisherige Kultusministerin und Strauß-Tochter ist jung genug, um warten zu können, und steht durchaus distanziert zu Stoiber. Was, wenn die Ära einmal endet, kein Nachteil sein muss. Putschen wird sie sicherlich nicht - aber dass sie eigene Truppen für die Zukunft sammeln könnte, das traut man ihr in München schon zu.

Überraschend offen hat sie noch am Wahlabend ihre Ambitionen auf den Fraktionsvorsitz der CSU im Landtag formuliert ("Wenn ich gefragt werde, sage ich nicht nein"). Die Minimalvoraussetzung dafür hat sie erfüllt: Hohlmeier gewann ihren Wahlkreis München-Milbertshofen, bis dahin eine rote Trutzburg, erstmals direkt. Nur, ohne Stoibers Plazet wird nach dessen Rekordergebnis niemand etwas werden in München. Noch nicht.