Die wichtigste Frage gleich vorweg, Mr Hoffenblum: Ist es nun aus und vorbei mit dem California Dreamin’? Mit Sonne, Glück und Reichtum für alle? Stattdessen ewige Krise und ewiges Wahldebakel? Und als Retter von eigenen Gnaden ein Kandidat aus Hollywood, der Kalifornien dem Gelächter der Welt preisgibt? Von Journalisten umlagert wurde Schwarzenegger, als er sich in Los Angeles die Unterlagen für die Kandidatur abholte

Vielleicht empfindet Allan Hoffenblum die Frage als ein wenig unverschämt. Jedenfalls lehnt er sich erst mal in seinem Sessel zurück und schaut eine Weile aus dem Fenster. Dann holt er hörbar Luft und sagt: "Totgesagt werden wir alle halbe Jahre. Das ist Teil unserer Existenz. Tod und Wiedergeburt. Goldrausch und Geisterstadt. Boom and bust. Immer sagt uns irgendwer nach Erdbeben, Rassenunruhen und Wirtschaftskrisen: Ausgeträumt, Kalifornien! Aber hören Sie sich nur mal auf der Straße an, was die Leute vom Kampf um die Abberufung des Gouverneurs halten. Ganz toll finden die, was gerade geschieht." Wirklich, "ganz toll", Hoffenblum sagt es tatsächlich.

Es ist wie beim Autohändler, eine Gurke kann man zurückgeben

Für jemanden wie Allan Hoffenblum liegt es nah, die Welt von ihrer rosigen Seite zu betrachten. Wenn er aus dem Fenster schaut, blickt er auf die sanften Hügel von Hollywood, auf den Luxus rechts und links der Serpentinen. Hinter Pinien, Zypressen und Palmen verstecken sich die Villen der Reichen und Superreichen, und Hoffenblums eigene Adresse ist auch nicht schlecht: 9100 Sunset Boulevard, West Hollywood. Von hier aus verpasst Hoffenblum den Mächtigen ein Image, stattet sie mit einer Strategie aus und notfalls auch mit einer Meinung. Hoffenblum gilt als der Doyen der politischen Berater. Kennt alle Schliche, hat alles schon gesehen und erlebt. Glaubte er jedenfalls – bis zu jenem recall, mit dem Gouverneur Gray Davis nun per Volksinitiave und Abstimmung aus dem Amt gejagt werden soll. "Unser Gurkengesetz" nennt Hoffenblum diese Rückrufklausel für Politiker. "Das ist wie beim Autohändler: Wenn du eine Gurke kriegst, kannst du sie zurückgeben".

Hoffenblum ist in Eile. Er will fort, dorthin, wo die Bewohner von Hollywood gern hingehen: in den Fitness-Club. "Da wird jetzt in der Umkleidekabine über Politik geredet. Wer mir das vor ein paar Wochen erzählt hätte, den hätte ich für wahnsinnig gehalten." Wahlkämpfe, sagt er, seien früher die Angelegenheit kleiner Zirkel gewesen. Am Wahltag hätte sich dann allenfalls die Hälfte der Bürger hinzugesellt. Alles Vergangenheit, seit Arnold Schwarzenegger im Rennen ist. Kameras überall, Publikum ohne Ende. "Noch nie", sagt Hoffenblum, mittlerweile schon auf dem Weg zur Tür, "waren die Kalifornier so interessiert und so informiert. Und noch nie hatten die Wähler so viel und die Parteien so wenig Einfluss." Dem alten Profi scheint dieser Triumph einer radikalen Demokratie zu gefallen. Und die neue Ernsthaftigkeit, die der "Terminator" unverhofft in die Politik gebracht hat. "Have fun!", sagt er zum Abschied.

Die anfängliche Medienhysterie um Arnold Schwarzenegger ist vorüber. Genauso das Spektakel um all die Porno- und Selbstdarsteller, die sich um das Amt bewerben. Sogar der kafkaeske Streit um den Wahltermin scheint seit Dienstag entschieden. Die große Kammer eines Bundesberufungsgerichts in San Francisco will, dass – wie ursprünglich vorgesehen – am 7. Oktober gewählt wird. Nach all der Aufregung sind nun Neugier und Interesse geblieben. Die anfängliche Frage: "Was kommt nach den Witzen?" lässt sich allmählich beantworten. Zu besichtigen ist eine populistische Revolte gegen das politische Establishment, getragen von etwa der Hälfte der Bevölkerung. Ausgelöst wurde die Revolte durch eine Personalfrage: Ist Kaliforniens Gouverneur Gray Davis unfähig, unehrlich und verschwenderisch – wie seine Gegner behaupten?

Ob der Misstrauensantrag angenommen wird, über den in Kalifornien nicht das Parlament, sondern das Volk entscheidet, ist keineswegs gewiss. Nach der jüngsten Umfrage des Public Policy Instituts möchten jetzt nur noch 52 Prozent der Wähler ihren Gouverneur Gray Davis loswerden. Siegen die Aufständischen, ist nicht sicher, wer Gouverneur wird. Arnold Schwarzenegger (28 Prozent) kann wahrscheindlich nur gewinnen, wenn er die Stimmen der Rechten auf sich vereinigen kann. Bisher verhindert das ein Kandidat vom rechten Rand.

Hinter der Personalie verbergen sich zwei Grundsatzfragen. Die erste wird vor allem in intellektuellen Zirkeln debattiert, die zweite zwischen den Kandidaten und den Wählern. Ist an der Westküste Amerikas die Zukunft der Demokratie zu besichtigen, in einer besonders bürgernahen und eruptiven Variante? Ist der "Rückruf" eine neue Methode, Politiker zu maßregeln, die nicht tun, was Wähler wollen? Oder führt die direkte Demokratie mit der Abwahl eines erst kürzlich gewählten Gouverneurs geradewegs in die Anarchie? Die zweite Frage: Soll sich Kalifornien europäisieren, also viele Steuern erheben und viele staatliche Leistungen anbieten? Oder soll sich das Land texanisieren, also Steuern senken und Leistungen reduzieren? Wer den europäischen Versorgungsstaat will, wählt links. Wer den texanischen Nachtwächterstaat will, wählt rechts. Nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten ist die Alternative so klar.