Nasirija

Ali Sabeh ist seit zwanzig Jahren arbeitslos, er hat zwölf Kinder und ein paar Lackschuhe, die an den Spitzen angebrochen sind wie alter, löchriger Käse. Er steht im Innenhof des Cimic, des Aufbauzentrums von Nasirija, und hält jedem Uniformierten, der gerade vorbeikommt, eine abgegriffene Mappe unter die Nase. Ali Sabeh sucht Arbeit, irgendeine Arbeit. Bisher hat noch keiner – weder Offizier noch Soldat – die Zeit gefunden, sich mit Ali Sabeh zu beschäftigen.

Schuld daran ist auch Jarullah Ali, der ebenfalls im Innenhof steht und versucht, Soldaten abzufangen wie andere Leute Fliegen. Er ist nicht so schüchtern wie Ali Sabeh und vermag mit seiner lauten Stimme für einen Moment die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. "Ich bin der Vertreter der Arbeitslosen von Nasirija. Ihr müsst uns Arbeit geben. Ihr könnt nicht nur den reichen irakischen Kuchen essen und für uns nichts tun! Wenn bis morgen nichts geschieht, dann gehen wir auf die Straße!" Es hilft nichts. Keiner hatte bisher Zeit für ihn.

Das wiederum liegt auch an Emad al-Kasid, der sich ebenfalls in dem Hof aufhält. Mit 18 ist er aus dem Irak geflüchtet, danach hat er in den USA studiert und spricht sein Amerikanisch jetzt so gut, dass er aufpassen muss, nicht in unverständlichen Slang abzurutschen: "Ich bin hier, weil ich ins Fernsehen investieren will. Ich habe Pläne für eine Fernsehstation. Ich kann den Leuten in Nasirija zeigen, was die Koalition alles für sie tut. Ihr braucht mich!" Er trägt das prächtige, traditionelle Gewand seines Stammes, weil er glaubt, man nähme ihn in dieser Kleidung ernster. Aber auch ihn hat bisher keiner empfangen.

Verwirrend, nicht wahr? Alles ist verwirrend im befreiten Irak. Es ist daher nötig, Ordnung zu schaffen. Also noch einmal von vorne. Das hier ist Nasirija, Provinzhauptstadt im südlichen Irak: zwei Brücken über den Euphrat und an beiden Ufern ein Gewirr aus Häusern, die so aussehen, als würden sie den Abend nicht mehr erleben. Während der Invasion gab es erbitterte Kämpfe um diese Brücken. Die US-Truppen stießen vor, dann wieder zurück und dann wieder vor. In diesen Tagen des harten Kampfes war zum ersten Mal von Vietnam die Rede, weil es an diesen beiden Brücken Nasirijas nicht so schnell voranging, wie es die in militärischen Dingen versierten Medien vorausgesagt hatten. Ein kleines Vietnam konnte Nasirija indes nicht werden, denn in der Stadt und Umgebung leben fast ausschließlich Schiiten. Saddam hatte sie verfolgt, unterdrückt und zu Tausenden getötet. Als die Amerikaner kamen, gab es für sie keinen Grund, dem Diktator zur Seite zu springen.

Das ist Geschichte. Jetzt ist die Zeit des Wiederaufbaus angebrochen. In Nasirija ist das die Zeit des Cimic – was so viel bedeutet wie Zentrum für zivil-militärische Kooperation. Die Italiener von der Brigade Garibaldi haben das Zentrum auf diesen Namen getauft, als sie im vergangenen Juli mit 2700 Mann hierher kamen. Seitdem ist das Cimic zum Anziehungspunkt für sprichwörtlich alles und alle geworden, die Hilfe suchen, einen Neuanfang oder ganz einfach ein Stückchen Macht im neuen Irak. Denn in Nasirija ist auch fast sechs Monate nach dem Sturz des Diktators noch nicht klar, wer eigentlich das Sagen hat. Nominell ist es die provisorische Regierung, de facto die Übergangsverwaltung der Amerikaner.

Bagdad jedoch ist fern und das Interesse für diese Provinz nicht allzu groß. Hier wird nicht geschossen, noch ist kein Soldat durch die Hand eines Irakers gestorben. Die Einwohner Nasirijas lehnen die Besetzung genauso ab wie jene Bagdads, zur Gewalt greifen sie jedoch nicht. Der kommandierende General Vincenzo Lops kann daher beruhigt sagen: "Wir gehen von einem weit gefassten Sicherheitsbegriff aus. Im Grunde ist die Sache doch klar. Beispiel: Wenn die Stadt keinen Strom hat, haben Kriminelle mehr Chancen, wenn Kriminelle mehr Chancen haben, dann wächst die Unzufriedenheit, irgendwann wird diese Unzufriedenheit zu einem Sicherheitsproblem. Und so ist es mit der Wasserversorgung, mit Treibstoff und so fort!"

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