Auch in den USA hinterließ der Irak-Krieg Kollateralschäden, in den Medien, deren Glaubwürdigkeit empfindlich gelitten hat. Der New Yorker lud am Wochenende im Rahmen seines alljährlichen Festivals zu einer Debatte über die "media conspiracy" – die Verschwörung der Medien – ein. Dass die US-Regierung über Massenvernichtungswaffen im Irak gelogen hat, erschüttert New York weniger als die willfährige Rolle der Presse darin. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg und seinen Folgen, die auch das Verhältnis zwischen den USA und Europa beeinträchtigten, wurde in einer zweiten Debatte vertieft, zu der auch die ZEIT als einzige europäische Zeitung eingeladen war – "Deutschlands renommierteste Zeitung", wie Jane Kramer vom New Yorker hervorhob.

Josef Joffe warb um Verständnis für beide Seiten, erst jetzt sei Gelegenheit, die Beziehungen wieder zu verbessern. Allerdings sind die Beziehungen innerhalb der USA derzeit genauso zerrüttet: Medien links vom Wall Street Journal stehen unter Beschuss von konservativen Politikern und Meinungsmachern. Sie verbreiten seit einiger Zeit Verschwörungstheorien, wonach die US-Medienlandschaft von "Liberalen" unterwandert sei. Der linke Medienkritiker Eric Alterman ging die Konservativen frontal an. "Es gibt in Washington 300 rechtsgerichtete Institutionen, die Millionen von Dollar dafür ausgeben, die so genannte liberale Presse zu bekämpfen", sagte er. Tatsächlich sei die rechte Presse viel rechter, als die liberale Presse links sei. Diese jedoch habe sich einschüchtern lassen und George Bush mit "Lewinsky-gleicher Unterwerfung" behandelt. Eins draufsetzend: "Kein Land außer Israel hat unseren Krieg gegen den Irak unterstützt, und dass die Amerikaner das nicht wissen, ist ein grobes Versäumnis unserer Medien."

Bill Kristol, die graue Eminenz der Neokonservativen, Chefredakteur des Weekly Standard und Kommentator bei Fox News, sah das anders: Der Weekly Standard sei nur das notwendige konservative Gegengewicht zu linken Medien wie CNN und der New York Times. Aber gerade die habe immer wieder Berichte über angebliche Funde von Massenvernichtungswaffen im Irak gedruckt, warf Alterman ein. Dem Kulturkolumnisten der New York Times, Frank Rich, fiel die Rolle zu, dafür um Verständnis zu werben. "Wir entwickeln Sympathie für jene, die Druck auf uns ausüben." Deswegen habe Bush nach dem Anschlag auf das World Trade Center auch eine Art politischen Freifahrtschein erhalten. Andererseits, so Rich weiter, habe die Haltung der US-Medien weniger politische Gründe denn kommerzielle, denn sie machten vor allem Entertainment: "Als NBC sein Logo in rot-weiß-blau eingeblendet hat, haben sie das aus dem Gefühl heraus getan, das verkaufe sich." Und eigentlich müsse man auch das Kriegsgeschrei von Fox News als Unterhaltung betrachten.

Das reichte dem Publikum dann doch nicht. "Ich habe keine Ahnung, was im Kosovo, in Afghanistan und im Irak passiert und was unsere Interventionen dort angerichtet haben", beschwerte sich eine Zuhörerin. "Warum lese ich das nicht?" Und "warum hat die Presse nicht über die Allmachtsfantasien des Project for a New American Century berichtet, über die Leute, die Bush beraten?", fragte ein Mann. (Kristol, der zusammen mit Rumsfelds Vize Paul Wolfowitz das Project gründete, lächelte dazu süßsauer.) Schließlich noch eine Fangfrage an Kristol: "Falls bin Laden gefasst worden wäre – hätte Bush den Amerikanern wirklich den Krieg gegen den Irak verkaufen können?"

Dean Baquet, der Chefredakteur der Los Angeles Times, zeigte Verständnis für diesen Unmut: "Wir hätten während des Krieges viel härter nachfragen sollen." Alterman hingegen setzt auf die pragmatische Lösung. "Lesen Sie den britischen Guardian im Internet", empfahl er. "Dann wissen Sie, was auf der Welt los ist."