Erst lässt er nur seinen gewaltigen Brustmuskel spielen. Dann schreit er. Schließlich zieht der mongolische Fleischberg das Messer aus dem Leopardentanga und geht auf den türkischen Paradeschnauzträger los. Ein milchhäutiger Europäer mischt sich ein, Debatte, Versöhnung, zu guter Letzt springen alle prustend in den Bosporus. Der Kampf der Kulturen ist in Istanbul nur noch eine Lachnummer, ein Slapstick genau auf der Grenze zwischen Asien und Europa – jedenfalls in der Videoinstallation Triangulation des Mexikaners Yoshua Okon. Die riesigen, bodentiefen Flachbildschirme formen ein offenes Dreieck, der Besucher kann sie umrunden, dazwischengehen, sich einmischen in das Wrestling der Weltanschauungen, das ein immerwährendes Thema der Kunstbiennale von Istanbul ist, die in diesem Jahr zum achten Mal stattfindet. "Eye Catching" - Jennifer Steinkamps digitaler Baum un der Yerebatab-Zisterne

Und hat Okon nicht Recht? Ist die 16-Millionen-Metropole allen Türkei-Vorurteilen zum Trotz nicht das coole Spaßbad einer liberalen, multikulturellen Gesellschaft, von der andere Länder nur träumen? Auf der Istiklal Caddesi, der zwei Kilometer langen Hauptschlagader des Szeneviertels Beyoglu, schiebt sich rund um die Uhr die Prozession der gepiercten, tätowierten, kopftuchlosen Musliminnen der Generation MTV in bauchfreien T-Shirts entlang, vorbei an armenischer, griechisch-orthodoxer und katholischer Kirche. In den steil zum Bosporus abfallenden Seitenstraßen hobeln, feilen, sägen in den Kellerlöchern Handwerker, während sich auf den Dachterrassen mit Blick über die ganze Stadt Bars und Schwulenclubs breit machen, deren lässige Eleganz konkurrenzfähig mit London oder New York ist. In den Musikgeschäften werden die Instrumente der klassischen Folklore in froher Eintracht mit dem Sampler für den modernen DJ angeboten. Den Soundtrack zu diesem Mix liefern die in ganz Europa erfolgreichen Helden des Türkpop – und die Muezzin, deren Stimmen unbeirrt vom Durcheinander in den Straßen aus den Megafonen an den Minaretten scheppern.

Und sage keiner, drüben, in Asien, sähe es anders aus. Den großen Platz am Schiffsanleger in Üsküdar bewachen zwar nicht weniger als drei Moscheen, doch in ihrem Schatten wird längst alles verkauft, was die Globalisierung in die Basare spült, egal, ob Barbie-Puppen oder Beckham-Trikots, die neuen natürlich, von Real Madrid. Vielleicht sind es also gar nicht fehlende Demokratie oder islamistischer Eifer, die den Gegnern eines EU-Beitritts der Türkei solche Sorgen bereiten. Vielleicht haben sie ja nur Angst vor der Dynamik dieser extrem jungen Gesellschaft (rund ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre) und ihrer Bereitschaft zur Assimilation. Innerhalb weniger Monate hat die europasüchtige, islamisch geprägte Regierung liberale Reformen durchgepeitscht, für die Deutschland Jahre brauchte. Ein wilder Ritt für eine Gesellschaft, die sich seit der Staatsgründung vor 80 Jahren in einer seltsamen Balance hält: Der rigorose Laizismus hat die im Westen so oft beschworene Religionsfreiheit und die Rechte von Minderheiten massiv eingeschränkt – und eben dadurch den islamischen Fundamentalismus, vor dem sich die westliche Welt nun so fürchtet, im Zaum gehalten. Damit nach dem wahren Preis dieser Operation nicht lange gefragt wird, präsentiert sich das Land geradezu zwanghaft weltoffen und liberal. Und was wäre dazu besser geeignet als eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst? Sie liefert zuverlässig die Nagelprobe, wie viel politischen Ungehorsam, Traditionsverachtung, Blasphemie, Pornografie und kreativen Irrsinn eine Gesellschaft zu akzeptieren bereit ist.

Seit 1987 wird dieser Test in Istanbul im Zweijahresrhythmus durchgeführt. So lange schon veranstaltet die Istanbul Foundation for Culture and Arts ihre Biennale. Ursprünglich als eine Art Import-Export-Veranstaltung geplant, die internationale Stars in die Türkei lockt und die unbekannten einheimischen Künstler dem (westlichen) Kunstbetrieb aufs Auge drückt, ist daraus längst eine, wenn nicht die wichtigste avantgardistische Trendshow geworden. Mehrere tausend Menschen drängeln sich am Eröffnungsabend um die riesigen Fingerfood-Tabletts mit Pistazien, Weintrauben, Gurken und Feigen, während der Sprecher der Stiftung verkündet, dass Gerechtigkeit, Frieden, Demokratie und Freiheit "die Ideale sind, die wir alle lieben, bewundern und unterstützen". Nicht nur die reichen, nach internationalem Glamour lechzenden Istanbullus haben in chromglänzenden Geländewagen den Weg aus den gepflegten Vororten in das angeschrammte Hafenviertel gefunden. Die Kunstkritik von New York bis Tokyo ist im Schatten eines hochhaushohen Kreuzfahrtschiffs am Überseekai angetreten, dazu Museumsleute, Sammler, gar nicht beteiligte Künstler und Kuratoren, die im ehemaligen Lagerhaus Antrepo No. 4 sehen wollen, was die Konkurrenz so macht. "Vielleicht ist Istanbul sogar wichtiger als die Biennale von Venedig", sagt Tereza de Arruda, eine brasilianische Kuratorin mit Wohnsitz in Berlin, "kleiner natürlich, aber dadurch auch klarer, übersichtlicher."

Sogar im Allerheiligsten dürfen sich die Künstler austoben

Und programmatisch zugespitzter. Zum fünften Mal verantwortet ein von der Stiftung ausgewählter Kurator die Ausstellung. In diesem Jahr zwei des Krieges gegen den islamistischen Terror ist es ausgerechnet ein Amerikaner, der beim größten Kunstereignis der islamischen Welt das Sagen hat. Dan Cameron vom New Museum of Contemporary Art in New York vergilt so viel Vertrauen mit einer gehörigen Portion Antiamerikanismus. "Poetic Justice" lautet sein Motto für die Ausstellung, weil nach nine eleven der Begriff der Gerechtigkeit wohlfeil, weich und formbar geworden sei, wie er sagt.

Ignoranz, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit unterstellt er seiner Regierung und seinen Landsleuten, dagegen preist er die Offenheit seiner türkischen Gastgeber: "Keine andere Stadt der Welt hätte eines ihrer größten Heiligtümer hergegeben für radikale zeitgenössische Kunst." Denn nicht nur das Lagerhaus am Hafen, die Kanonengießerei Tophane aus dem 15. Jahrhundert und die 1400 Jahre alte Yerebatan-Zisterne sind diesmal Spielorte der Kunst, sondern erstmals auch die Hagia Sophia. Einst war sie die größte Kirche der Christenheit, dann die Moschee des Sultans, seit 1935 ist sie ein Museum, in dem aber über dem niemals versiegenden Touristenstrom immer noch die acht heiligsten Namen des Islam in riesigen Kalligrafien triumphieren. Hier darf Cameron nun sein Ideal vom Weltbürgertum ins Bild setzen, dessen fortschrittlichste Repräsentanten für ihn die Künstler selbst sind: moderne Nomaden, nicht heimatlos, sondern überall zu Hause, mobil, flexibel, ohne Furcht vor radikalen Veränderungen, umgetrieben von ihren Visionen für eine gerechte Gesellschaft.