Sie stehen für Avantgarde und Zeitlosigkeit zugleich: die Möbel der modernen Klassiker. Die Nachfrage ist hoch, und selten nur sind Möbel dieser Art als Originale bei Auktionen zu ersteigern. Reeditionen im Fachhandel sind meist kostspielig, denn Lizenzgebühren sind bis 70 Jahre nach dem Tod des Designers abzuführen, aber auch Investitionen in die material- und ideengerechte Entwicklung sowie die Verwendung hochwertiger Materialien haben ihren Preis. Weil aber Möbel und Lampen von Designern wie Wilhelm Wagenfeld oder Le Corbusier, Eileen Gray, Arne Jacobsen oder Verner Panton viele Anhänger finden, überschwemmen viele Billigkopien den Markt, die bis zu 50 Prozent billiger sind als ihre autorisierten Nachbauten. In Anzeigen und im Internet werden legendäre Modelle wie der Barcelona- Sessel von Mies van der Rohe oder der Wassily- Chair von Marcel Breuer angeboten.

Da sich große Hersteller wie Knoll, ClassiCon oder Cassina das nicht einfach bieten lassen, haben ihre Rechtsanwälte jede Menge Arbeit. Vier Meter Akten nehmen im Büro des Vertriebsleiters Kai McTassney bei ClassiCon allein die Grundsatzurteile ein. Wie oft der Adjustable Table, ein 1927 von Eileen Gray entworfener Beistelltisch, schon ge- und verfälscht auf den Markt gebracht wurde, kann McTassney nicht mehr beziffern. Immer wieder lässt die Firma Kopien aus Parfümerien, Friseursalons und Hotellobbys oder auch Messeständen entfernen. Zwar macht sich der Endverbraucher beim Erwerb vor Ort – meistens in Italien – nicht strafbar, doch ist es gesetzeswidrig, die Plagiate in öffentlich zugänglichen Räumen aufzustellen. In der Toskana sind McTassney 32 Hersteller bekannt, die ClassiCon-Produkte in unterschiedlichster Qualität nachbauen.

Das Urteil des Amsterdamer Distriktgerichts zwingt jetzt erstmals einen Hersteller, in den Niederlanden seine Website aus dem Internet herauszunehmen. Der Hersteller Cassina, welcher die exklusiven Rechte an Le-Corbusier-Modellen wie der Liege LC4 und dem würfelförmigen Sessel Grand Confort besitzt, hatte unlizenzierte Nachbauten auf der Netzseite von Classico Mobile entdeckt. Ob allerdings diese und andere Firmen durch einen solchen Richterspruch gestoppt werden können?

Auch der Hamburger Anwalt Henning Harte-Bavendamm von der Kanzlei Allen & Overy hat da seine Zweifel. In zäher Kleinarbeit ist es ihm aber immerhin gelungen, für die Herstellerfirma Fritz Hansen Nachahmungen der Arne-Jacobsen-Stühle Ameise und Schmetterling vom Markt zu vertreiben. "Seit zwölf Monaten ist kein solcher Fall mehr aufgetreten", sagt er. Das könnte allerdings auch eine Frage der Mode oder des Geschmackes sein. Für den Laien ist es oft schwer zu durchschauen, worauf er beim Kauf achten muss – auch deshalb, weil sich die Firmennamen wohl absichtlich zum Verwechseln ähneln.

Aber es gibt Indizien: Die großen Hersteller signieren die Möbel und versehen sie mit Seriennummern. Die in Murr ansässige Firma Knoll produziert außerdem Broschüren zum Thema "Original und Plagiat", die etwa am Beispiel der Sessel Barcelona und Wassily zeigen, wie anhand von Maßen und Materialien gepfuscht wird. Im Hatje Cantz Verlag ist zudem ein informativer Band mit dem Titel Die Erfindung des Modernen Klassikers erschienen. In Bild und Text verfolgt die Autorin Gerda Breuer anhand vieler Beispiele Produktion und Vermarktungsstrategien, Nachbauten und Billigkopien.

Mit teils unverfrorenen Werbekampagnen werden die Raub-Produkte angeboten. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen wirbt beispielsweise die Firma Who’s perfect? mit einem "Erpresser-Festival": Dabei wird suggeriert, sie könnte aufgrund von Absatzeinbußen "Top-Hersteller" unter Druck setzen und daher in einem Münchner Lager "Einstiegspreise ins Nobelsegment, so günstig wie noch nie" anbieten. Auch dort ist wieder das Modell Barcelona im Angebot. Gegen diese Firma hat nun Knoll in drei Fällen die Rechtsanwälte eingeschaltet.

Beim Studieren der aktuellen Anzeige von dimensione, die "Top-Design zu Factory-Outlet-Preisen", den Philippe-Starck-Stuhl Costes für 325 Euro oder den Wassily zum gleichen Preis verspricht, sollten auch unerfahrene Design-Liebhaber stutzig werden. Der Hamburger Einrichter Rudolf Beckmann: "Solche Schnäppchen können einen letztlich sehr teuer kommen, denn in den meisten Fällen handelt es sich gar nicht um Nobelmarken zu heruntergesetzten Preisen, sondern schlichtweg um schamlose Kopien."

Es mag nicht in der Absicht des einen oder anderen Schöpfers liegen, dass seine formschön und bequem gestalteten Möbel und Einrichtungsgegenstände inzwischen zu teils luxuriösen Preisen verkauft werden. Dass ihre Ideen jedoch in den Händen von Plagiatoren verfälscht werden, entspricht sicherlich noch weniger ihrem Interesse.