Dieses Buch kann man, wenn man will (und gelegentlich ist es wohl schon geschehen), durchaus in höchsten Tönen loben. Denn eines gelingt ihm sicher: Es macht ein Ereignis der Technik-Historie, das auf den ersten Blick wenig an Abenteuer und Größe abzuwerfen scheint, zum Zentrum einer hoch aufgeladenen Geschichte.

John Griesemers Roman Rausch (im Original viel besser Signal and Noise) spielt im England und im Amerika der Jahre 1857 bis 1866. Die gesamte Handlung, und es geschieht sehr viel auf beinahe 700 Seiten, kreist um die damaligen Versuche, ein Telegrafenkabel zwischen dem Alten und dem Neuen Kontinent zu verlegen. Ein großer Schritt für die Menschheit war das, größer als der von Edwin Armstrong 100 Jahre später auf dem Mond. Denn mit der überseeischen Telegrafie brach das Zeitalter globaler Kommunikation an, das Atlantikkabel war gewissermaßen der erste Faden des heute so ungeheuer dicht gespannten Netzes.

Aber! Was bis 1866 mehrfach misslang, muss man sich im Kern eher prosaisch denken: Es ging eben bloß darum, ein erstaunlich langes Kabel im Meer zu versenken, ohne dass es dabei zerriss. Das tat es allerdings mehrfach, bis ein Stück Technik auf dem Plan erschien, das die drög-feuchte Kabelverlegung mit ein wenig Mythos auflud.

Geben Sie nur einmal "Great Eastern" in Ihre Suchmaschine ein, und Sie werden staunen. Staunen wie die Menschen des Jahres 1857, als dieser Riesendampfer, mehr als viermal so lang wie irgendein bislang gebautes Schiff, in London mühsam vom Stapel lief. Als Luxus-Passagierschiff ein ökonomisches Desaster, war die Great Eastern doch als einziges Schiff groß genug, das vollständige Atlantikkabel aufzunehmen. Freilich verkam sie nach ihrem Einsatz als Kabelleger wieder zu einem schwimmenden Jahrmarkt.

Die Zeit, als die Elektrizität den Dampf vertrieb

Ursprünglich sollte die Great Eastern übrigens Leviathan heißen. Und dieses mythische Riesenwesen, das die Welt verschlingen will, hängt auch als eine Art Galionsfigur über Griesemers Roman. Es geht nämlich um den Doppelcharakter der zweiten technischen Revolution, im Laufe derer die Elektrizität den Dampf als treibende Kraft ablöst. Geschickt hat Griesemer in die historische Szenerie (kleine Auftritte haben unter anderem Dickens, Lincoln und Marx) den Ingenieur Chester Ludlow, dessen Frau Franny, seinen Halbbruder Otis und einige weitere Figuren montiert. Die stehen jeweils für die verschiedenen Tendenzen der Epoche. Auf der einen Seite ist da nichts als Begeisterung; schon ist nicht mehr die Bewegung von Körpern, sondern die Kommunikation von Gedanken das Ziel der Anstrengung. Doch auf der anderen Seite treibt der Leviathan der Moderne die Menschen zurück in sich selbst, in die Vergangenheit, ja in die Welt der Geister.

Die Ehe der Ludlows ist seit dem Tod ihres Töchterchens in einem Kälteschlaf versunken. Aus dem treibt sich der Ingenieur voran in die Pioniertaten der Drahtkommunikation, während seine Frau durch spritualistische Anstrengungen Kontakt zu ihrer toten Tochter aufzunehmen versucht. Ludlow wird schnell ein Star, später lernt er das Scheitern kennen. Franny beginnt als begabtes Medium, am Ende verkommen ihre Auftritte zur Touristenunterhaltung. Zwischen beiden Polen irrt ruhelos der Halbbruder und Schwager Otis, der schließlich in seiner Mitarbeit am Kabelprojekt die technische Begeisterung und die spirituelle Sehnsucht in eins fließen lässt: Gegen Ende seines Lebens sitzt er in einer einsamen Telegrafenstation; im Rauschen der Signale, die aus einem zerrissen im Meer liegenden Kabel dringen, hört er die Botschaften einer jenseitigen Welt.

Signal and Noise, sinnvolle Botschaften und leeres Rauschen. Es ist ohne Zweifel das Faszinierende an diesem Riesenroman, wie er aus dem historischen Material ein Stück Bewusstseinsgeschichte schlägt, dazu eine Art romanhafter Archäologie unserer Alltagsgegenwart betreibt. Da fällt es dann wirklich nicht besonders ins Gewicht, wenn Griesemer die historischen Daten und Fakten für sein Unternehmen ein bisschen zurechtbiegt (die Jungfernfahrt der Great Eastern fand nicht im Frühjahr 1858, sondern im September 1859 statt, und als Touristenattraktion lag sie später nicht in London, sondern in Liverpool). So etwas darf der historische Roman, wie er ja auch seine erdachten Figuren der Historie und die historischen Personen seinem Text implantieren darf. Da bleiben immer zehn Fuß Wasser unter dem Kiel.