Majakowskij und Chlebnikow verehren sie, verkehren in ihrer Wohnung an der Petersburger Pessotschnaja-Straße und in ihrer Datscha in Karelien, die sie mit ihrem Mann, dem Komponisten Michail Matjuschin, teilt. Und Jelena Guro scheut sich nicht, 1912 mehrere futuristische Manifeste mit zu unterzeichnen, um zur "Befreiung" des Wortes beizutragen. Sie stirbt just in dem Moment, da die neue (futuristische) Kunst zu kühnen Taten ausholt. Zwar ahnt sie den Weg, kann ihn aber nicht mehr gehen. Wobei fraglich ist, ob sie sich zu einer Radikalisierung durchgerungen hätte. Ihr Temperament ist sanft, ihre Weltauffassung (und Naturverbundenheit) kindlich-naiv, ihre Sprache allem Lauten und Propagandistischen verschlossen, doch umso offener für Zwischentöne und heitere Lautspiele.

Jelena Guro, 1877 in St. Petersburg geboren, entstammte einer Adelsfamilie. Früh schon begann sie zu schreiben und zu zeichnen. Ihr Buchdebüt, eine mit eigenen Illustrationen versehene Sammlung von Prosatexten, Gedichten und kurzen Szenen unter dem Titel Der Leierkasten (1909), bleibt unbeachtet. Doch Guro lässt sich nicht beirren. 1910 schließt sie sich einem Kreis futuristischer Dichter und Maler an. In ihrer Malerei findet sie zu einer ausdrucksstarken und einfachen Handschrift; in ihrer Prosa entwickelt sie einen reizvollen literarischen Infantilismus, der kindliche Wahrnehmung mit sprachlicher Innovation verbindet.

Guro, das ist das Paradox von naiver Unbefangenheit und subtilem Raffinement, von emotionaler Spontaneität und künstlerischer Artifizialität. Guro, das ist liedhafte Lautpoesie und Märchenwelt, das sind Kinderverse und Naturminiaturen. Vereint in einem schmalen Werk mit ganz unverkennbarem Ton. Die Titel sind rasch aufgezählt: Herbstlicher Traum (1912), Himmlische Kamelkinder (1914 postum erschienen), Der arme Ritter, ein Fragment gebliebener Roman, für dessen Herausgabe sich Maxim Gorkij vergeblich einsetzte.

Ihr Werk kreist um die Landschaft des russischen Nordens und um die verwirrende Großstadtwelt, um Kindheitserlebnisse und Märchenmotive, um Liebe, Krankheit und ein gütiges Allgefühl. Gegensätze scheinen darin ebenso aufgehoben wie Gattungsgrenzen: Guros kindliches Genie vereint mit umarmender Geste Ernst und Heiterkeit, Reflexion und Traum, Sprachwitz und Intuition.

Nach dem von Eva Hausbacher edierten, 1997 erschienenen Band Apropos Jelena Guro hat nun Peter Urban für die Friedenauer Presse eine aparte Auswahl aus Guros Werk getroffen. Lieder der Stadt enthält Prosaminiaturen und einige Gedichte, ergänzt durch Zeichnungen.

Was Guro, eine überzeugte Anti-Urbanistin, der Stadt abgewinnt, gleicht einem impressionistisch hingetupften Tableau: "Schwarze Häuschen aus Pappkarton. Hell erleuchtete Hotelzimmer. Klingeln läuten. Die erleuchteten Hüften der Pferdebahnen, wie brennende Gitter. Elektrische Tulpen, gasichte Dreizinke. Möblierte Pensionszimmer." Als wäre sie eine einzige Abfolge von Auftritten, gebärdet sich Guros Stadt theatralisch und leicht wahnsinnig. Alles hastet, Studenten, Musiker, Juweliere, die Uhren ticken, die Champagnergläser klirren. Die Stadt als großes synästhetisches Spektakel, dessen Rhythmus die Autorin in "Telegrammsätzen" à la Peter Altenberg skandiert: "In der steinernen Tabatiere der Stadt spielte täglich Musik. – Morgen, es schlägt acht. Die Kerzen in den dunklen Wohnungen frieren. Gymnasiasten erwachen. Fröstelnd wiederholen sie ihre Hausaufgaben. 12 schlägt es. Weiße festliche Öfen. Weiße und entfernte Stuckdecken. Hohe festliche Treppenhäuser. Kalte Gedanken des Stadthirns. Der dunkle Tag buckelte und wurde ganz zu Schultern." Das sehend-betrachtende Subjekt urteilt nicht, sondern geht staunenden Auges durch die Welt, mit kindlich-frischem Blick und herzlicher Unvoreingenommenheit, der so gar nichts Harmloses anhaftet.

Guros Spürsinn für Nuancen zeigt sich besonders schön in einigen Naturgedichten. Die Impressionistin wagt hier Wort- und Lautspiele, die den futuristischen Experimenten nahe kommen, ohne deren Selbstzweckcharakter zu teilen, da es Guro um Sinn, Atmosphäre und Gefühl geht: "Regenschauer, Regenschauer / Rauschen vorbei, rauschen vorbei. / Regenschauer – Regenschauer, leichte Winde – Winde / Tauscheln, tuscheln, tuscheln – / Rauscheln."

Die Natur ist Guros eigentliches Element. Sie begegnet ihr franziskanisch, nicht mit dem herrischen Gestus der Futuristen, die bald schon ihren "Sieg über die Sonne" proklamieren sollten. Mit heiterer Ironie vertritt Guro ein Gegenprogramm: "Wir, Träumer von Gottes Gnaden, wir verhängen ein Verdikt! Alle Dichter, Schöpfer künftiger Zeichen, haben barfuß zu gehen, solange die Erde sommerlich ist."