Von Verena Auffermann

Die griechische Tragödie hat die Sozialwohnung erreicht und findet sich in den sonnenlosen Quadratmetern und dem psychologischen kleinen Einmaleins sehr gut zurecht. In jeder Saison liegt ein neuer schockierender Muttertext auf dem Tisch. Kaum war Zeit, nach Véronique Olmis Meeresrand, wieder einer Mutter mit zwei Söhnen hinterherzuwinken, da beschreibt Michael Kumpfmüller in seinem zweiten Roman Durst ein weiteres starkes Stück. Im Zentrum eine Frau und zwei kleine Söhne.

Michael Kumpfmüllers Karriere begann mit dem Roman Hampels Fluchten und einem großen Krach. Dieser Krach spaltete im Herbst 2000 die Literaturkritik. Dann wurde es still, der Schriftsteller blätterte in den Katalogen schrecklicher Schicksale und stieß bei dieser Suche im Spiegel auf einen langen Bericht über den Fall einer jungen Mutter, die 1999 in Frankfurt an der Oder ihre beiden kleinen Söhne mit Nahrung für kurze Zeit in ihrem Zimmer einschließt und für knapp zwei Wochen das Weite sucht.

Conny ist die Medea des Plattenbaus

Nach Heinrich Hampels selbst verschuldetem Desaster erfindet Michael Kumpfmüller Conny und umkreist ihr Denken, Reden, Nichthandeln und Handeln. Conny ist ein Flittchen mit nichts im Kopf als shoppen und ficken. Kumpfmüllers Geschöpf ist ganz aus dieser Medienwelt, naiv und verdorben, gedankenverloren und gedankenlos, durchs Fernsehen erzogen und durchs Fernsehen abgestumpft, eine Medea des Plattenbaus. Kumpfmüller umzingelt sein Opfer von zwei Seiten. Aus der Perspektive eines detektivischen Erzählers, der im Leben "der Frau", oder "der jungen Frau", mit nüchternem Blick herumspioniert, und aus der Sicht Connys, als innerer Monolog. Die direkte Rede ist ausgeblendet, vom "Ich" wird selten gesprochen, denn Conny weiß mit ihrem "Ich" wenig anzufangen, sie ahnt nicht, wer oder was das eigentlich ist.

Jedes der 13 Kapitel für die 13 Tage im Leben Connys beginnt im Märchenton: "Eines Tages im Sommer …, an einem Donnerstag früh am Morgen…, eines Tages im Juni…" Am fünften Tag erklärt der Autor sein Buch, er schiebt der "jungen Frau" in einem Café die Zeitung mit der Notiz vom Kindermord einer amerikanischen Mutter unter. Der Autor bereitet die Tat wie ein Krimiautor vor, unerkannt wie die Inkubationszeit einer Krankheit, und konzentriert sich auf die Tage zwischen dem Verlassen der eingesperrten Jungen und der Rückkehr der Frau.

Aber weshalb bei diesem Konzept, der überzeugenden Annäherung an eine Frau, diese Sprache, die manchmal nicht an sich halten kann, unentschieden den Ton der Bestandsaufnahme und Kommentierung verlässt und pathetisch auftritt, mit "heiligen Dingen" der Männer und dem "Tanz bedeutungsloser Dinge" auftrumpft und dann wieder hin und her holpert vom klugen Erzähler zu Connys ungelenkem Gemurmel? Oft tappt man im Dunkeln und fragt sich, wer döst da eigentlich mit halb geschlossenen Lidern, verschleudert sein Leben und behelligt sich selbst mit Grübeleien nach dem Bösen?