Die Liebe, ach ja – muss uns die jemand erklären? Wir wissen doch alle, wie sie funktioniert, nämlich nach dem Prinzip der Anfangsbegeisterung, der leider in aller Regel ein allmähliches Erlahmen folgt, bis nur noch ein müdes Hin und Her davon übrig ist. Mit manchen Büchern ergeht es uns ebenso, und die Liebeserklärung von Michael Lentz gehört leider dazu.

Aber immerhin, da ist diese Anfangsbegeisterung: "Das ist unsere Geschichte. So weit. Da bist du, und da bin ich. Und wir sind beide noch da. Das ist mehr als erwartet." Und das ist fast mehr an Direktheit, als man von den ersten Seiten eines Romans erwarten darf. Michael Lentz wirft seinen Erzähler in die Ursituation schlechthin: Dieser Erzähler stellt sich in die Welt und spricht ein Gegenüber an, ein geliebtes Gegenüber, auch wenn er nicht von Liebe, sondern seltsam verschämt von "Zuneigung" spricht. Diese Ursituation ist der Höhepunkt, danach kann es nur noch abwärts gehen, die hardcoremäßigen Sexszenen der Anfangsseiten können daran naturgemäß nichts ändern.

Der Erzähler verlässt die eine Frau, um eine andere zu lieben, auch das ist eine Ursituation. Aber nicht eigentlich um Situationen geht es in diesem Buch, sondern um ihre Benennung. Die verlassene Frau heißt Z., die neue Flamme heißt A., die Objekte der Erzählerbegierde umspannen also das Alphabet, das freilich auf den Kopf gestellt wird – alle Schlussfolgerungen sind Umkehrschlüsse, alles Zukünftige ist restituierte Vergangenheit. Von "Kippmomenten" spricht die Erzählstimme einmal, und Michael Lentz ist sehr bemüht, diese "Kippmomente" zu den Angelpunkten seiner Prosa zu machen und so "das ineinandergedrehte Verlangen" direkt in Sprache abzubilden.

"Es fehlt die Sprache", natürlich fehlt sie, bekanntlich entspringt alle Literatur dem Fehlen von Sprache und dem Versuch, diesen Zustand zu überwinden. Die Formulierung "ich weiß nicht, wo ich hingehör" ist, wie die Textstimme uns erklärt, "eine bittere Erfahrung, ein schlechter Satz": Die bittere Erfahrung wäre unter Umständen erträglich, der schlechte Satz ist es nicht. Also versucht der Erzähler, Sätze zu finden, die besser sind, um noch schlechtere Erfahrungen festzuhalten – Sätze vor allem, die den Umschlag von Liebe in Nichtliebe ausdrücken können. Das können nur Sätze sein, die zerrissen werden wie der Liebende oder Nichtmehrliebende: "Es ist ein Oszillieren, ein Hin- und Hergerissenes, Teil, Ganzes, ich, Scherbe, du." Sind das überhaupt noch Sätze, ist es nicht nur noch ein sprachlicher Fleischwolf, ein verbales Patchwork? Die Umkehrschlüsse und "Kippmomente" brechen sich in einem permutativen Umgang mit dem Sprachmaterial Bahn, in Spielereien mit dem Nacheinander und dem Hintereinander: "Berlinnovember, Novemberberlin"; "Nordpol Südpol sind wir".

Die Erzählstimme leidet daran, "daß wir keine Sprache der Liebe haben", viel mehr als an der Liebe selbst und ihrem Fehlen; das illusorische Ziel der Liebeserklärung besteht deshalb darin, diese Sprache zu finden, indem sie Dinge als Sprache und die Sprache als Ding einsetzt. Die "Kippmomente" sind dann die Stellen des Buches, an denen das sprechende Ich sein Gegenüber findet und gleichzeitig verliert: "Das Gegenteil von bin ist du. Von dir gibt es gar kein Gegenteil, sondern du selbst. Und du selbst bist nicht da." Die zweite Person Singular ist immer die Abwesenheit. "Du. Immer ist die andere du." Michael Lentz setzt dieses sprachliche Paradoxon in Handlung um, indem er seinen Erzähler auf Reisen schickt: Mit der Bahn reist er kreuz und quer durch die Republik, ohne Z., telefoniert zwar ständig mit ihr, kann dadurch die Distanz allerdings nur vergrößern.

Michael Lentz konstruiert seinen Roman der Liebe und ihrer Abwesenheit über dualistische Strukturen, wie es sich bei diesem Thema ja auch gehört: Hier ist das Ich und dort das Du; der Liebende ist unterwegs und die Geliebte anderswo. Deswegen fehlt der Liebe nicht nur die Sprache, sondern auch der Ort, die Textstimme leidet am "unbewohnbaren Heimweh" und an nichteingehaltenen Fahrplänen: "Von den Fahrplänen muß man nicht reden, nicht wahr, ein Unterwegssein ist kein Hiersein, ein Unterwegssein ist immer woanders."

So weit, so gut. Leider lässt Michael Lentz sich aber von diesem ständigen "Woanders" und von den Längenerfordernissen eines Romans auf Abwege führen. Er dickt sein Buch mit unzähligen Verweisen auf Hoch- wie Tiefliteratur an, zitiert oder paraphrasiert Beckett und Bartleby, Joyce und Günter Eich und Laederach und leider auch Grönemeyer; der konkretistische Umgang mit der Sprache verkommt zu billigen Kalauern und Wortwitzchen ("je trüber das Gehirnwasser, desto Deutschland"), und "der Rest ist" nicht, wie die Erzählstimme meint, "Literatur", der Rest ist nur noch ein gähnendes Nichts aus Inhaltsleere und verbalem Gestochere. Der Erzähler reist ebenso ziellos wie unmotiviert durch Deutschland und beschimpft die unfähig-unpünktliche Bahn (allenfalls ein lahmer Abklatsch der Beschimpfungsorgien Rolf Dieter Brinkmanns oder Thomas Bernhards); zwischendurch ruft er seine Geliebte an oder wird von ihr angerufen und streitet mit ihr darüber, wer wen warum nicht angerufen habe. So mag ja das Leben sein, doch literaturfähig ist das nicht.