Die Perestrojka, die so gravierende Wendungen für die ganze Welt bedeutete, ihre Gründe, ihre Folgen, ihre Menschen fanden erstaunlich wenig Widerhall in der ernsten russischen Belletristik. Der Roman Underground oder Ein Held unserer Zeit , den Wladimir Makanin 1998 publizierte, gehört zu den wenigen Versuchen, diese Übergangszeit zu erfassen, und zwar mit den Mitteln des traditionellen russischen, in der sowjetischen Prosa der siebziger und achtziger Jahre mit moderneren Erzähltechniken aufgerüsteten Realismus. Es ist das Jahr 1991, vielleicht das schwierigste Jahr in der postkommunistischen Geschichte des Landes – Versorgungsmisere, Kriminalität, soziale Unsicherheit. Der Protagonist und Ich-Erzähler, der im Zentrum dieser 700-seitigen Konstruktion steht, ist ein ehemaliger Underground-Schriftsteller, der von gelegentlichen Arbeiten lebt: Beispielsweise bewacht er die Wohnungen eines riesigen Mietshauses, während die Bewohner verreist sind. Er schreibt seit langem nicht mehr, seine alten Sachen will er nicht publizieren, obwohl es nun möglich geworden ist. Er trinkt viel, spricht viel und grübelt viel. Was um ihn herum passiert, versteht er nicht besser als alle anderen Figuren in diesem verwirrten Universum. Es fehlt ihm wie allen, die in diesem Buch agieren, eine moralische Orientierung. Seine Beziehungen zu Frauen sind chaotisch und peinlich, seine Freundschaften sind zerstört oder oberflächlich, seine schriftstellerische Tätigkeit ist ihm nichts mehr wert, sein Drang zu innerer Unabhängigkeit, der ihn in der Sowjetzeit zum Underground-Menschen machte, ist noch stark, sein Stolz ist immer noch angespannt und krankhaft, er wird sogar (durch Zufall) zum Mörder. Kurz: Er ist das Symbol des moralischen Zerfalls der Gesellschaft. Doch kann eine unmoralische Gesellschaft einen moralischen Zerfall erleiden? Diese theoretisch interessante Frage wird im Buch nicht erläutert.

Der 1937 geborene und seit Mitte der sechziger Jahre publizierende Wladimir Makanin wird in Russland für seine Beobachtungsgabe, seinen scharfen Blick und die Fähigkeit, subtilste Seelenbewegungen und groteske Alltagserscheinungen wiederzugeben, sehr geschätzt. Insbesondere betrifft das seine kürzeren Erzählungen und Novellen. Auch Underground ist voll wunderbar geschriebener Episoden, die an seine alten Werke erinnern. Aber aus dem ganzen Text ergibt sich kein überzeugendes Gesamtbild. Man wird den Eindruck nicht los, dass sich eine gewisse Unglaubwürdigkeit, eine gerade von Makanin nicht erwartete Unsicherheit aus der Wahl der Hauptfigur ergibt. Ein offizieller Schriftsteller, der in der Sowjetunion regelmäßig Bücher publizierte, und sei er ein guter, sogar sehr guter Schriftsteller, wie Makanin eben, kann nicht in die Haut eines Wenedikt Jerofejew oder Joseph Brodsky schlüpfen. Dazwischen liegen Welten.

Der wirkliche Underground von Moskau und besonders von Leningrad war ein paralleles Kulturuniversum und nicht, wie es für Makanin, sozusagen "sozial bedingt", selbstverständlich scheint, eine Abstellkammer für Spinner, verhinderte Existenzen, Versager, obwohl auch das vorgekommen sein dürfte. Makanin, der nie ein Underground-Autor gewesen ist, versucht, durch die Augen dieser ganz eigenen Spezies die Welt zu sehen und scheitert. Leider. Aber seine Erzählungen sind wirklich schön!