Wenn der fette schwarze Kater der Wahrsagerin Tamara Iwanowna zu Sitzungen mitgenommen wird, rollt er sich an ihrem Busen zusammen, Kopf unters Pfötchen, und schnurrt, was das Zeug hält. Von den Fragen des Kosmos und der Unsterblichkeit der Seele hält er sichtlich nichts, und damit ist er in Jurij Mamlejews Roman das einzige rationale Wesen weit und breit. Um ihn herum nichts als Gottsucher, Geistheiler, Transformierte auf dem höheren Ich-Trip oder sinistre Antichristen. Wir sind halt im heiligen Russland, und Jurij Mamlejew, 1931 in Moskau geboren, ist russisch, echt russisch. Und das heißt in diesem Fall: mystisch, schwer mystisch. Die mystische Seelensubstanz hängt alleweil aus ihm heraus wie ein Schnupftuch aus der Hosentasche – um es mit seinem jüngeren Moskauer Kollegen und Adoranten Viktor Jerofejew zu sagen.

In den fünfziger und sechziger Jahren war Mamlejew das Haupt eines philosophierenden Wohnküchen-Zirkels namens Sexuelle Mystiker. Man gab sich höchst subversiv den Mysterien des Fleisches und des Heiligen Geistes hin, um dem maßlosen Moralismus und Materialismus der sowjetischen Kultur einen Schlag zu versetzen. Das Imperium schlug zurück. Mamlejew musste das Land verlassen. Er ging in die USA, später nach Paris und kehrte 1989 in einer Retourkutsche nach Moskau zurück, wo ihn die junge "konzeptualistische" Avantgarde, Autoren wie Sorokin, Prigow und andere, als einen der Ihren, sprich: vorbildlichen Vertreter einer Ästhetik des Bösen hochleben ließen. Tatsächlich hat sich Mamlejew ganz auf das morbide Spektrum konzentriert. Suff, Idiotie, Erotomanie, Vampirismus, Mord, Tod und Scheintod und die Marasmen des Spekulativen sind die ketzerische Antwort des "metaphysischen Realisten" auf die Wonnen der Gewöhnlichkeit, sprich des vulgären Realismus.

Zuletzt schockierte der Puschkinpreisträger die Kritiker 1998 mit dem Erzählband Der Tod des Erotomanen. Ein "Tollhaus zwischen schwarzen Buchdeckeln", ein "Pandämonium des Abnormen und Perversen" sei das. In seinem neuen Roman Die irrlichternde Zeit hält sich das Provokationspotenzial eher in Grenzen. Da haben wir eine Anzahl überaus keuscher, pantoffeliger "Metaphysiker", Gurus, die ganz dem Gegenglück, dem Geist, dienen und mit irisierendem Blick vom "Atman", dem höheren Selbst aus, auf das Treiben des Planetleins schauen. Dann eine schnuckelige Dozentin für Kulturgeschichte, die unerbittlich an ihrem "unendlichen Ich" laboriert. Dann sind da noch Semjon, der "lebende Leichnam", Roman, genannt "Narziss im Sarg", und andere gelehrte Penner, hochprozentige Spirituelle, die in einem ehemaligen Bunker untergekrochen sind wie in Gorkis Nachtasyl und auch genauso reden. Und nicht zu vergessen: Tante Tamara, die Telepathin mit dem dreimal schwarzen Kater.

Durch dieses "heimliche Moskau" der heiligen Trinker, die mal am Kiosk, mal im Bunker, mal in einer höchst "dostojewskihaften Wohnung" bei Schwarzbrot und Wodka über "das eigene Unsterbliche Sein" palavern, schleust der Autor seinen jugendlichen Helden Pawel, den Picaro, den Simplicius, dem etwas Unheimliches passiert ist. Er war am Gogol-Denkmal von einem Unbekannten angesprochen und auf eine Abendgesellschaft eingeladen worden. Da waren viele Leute, die Pawel zum Teil irgendwie bekannt vorkamen. Besonders eine junge schwangere Frau und ein Typ, der immer an ihm rumzupfte. Pawel trank schrecklich viel. Sturzbesoffen fand er sich plötzlich, mit einer Alina kopulierend, in einem Wandschrank wieder. Später schlug er den Mann nieder und rannte aus der Wohnung. Am nächsten Morgen dann der eisige Schock beim Betrachten eines Familienfotos. Das waren ja seine Eltern gestern Abend auf der Party. Seine jungen Eltern vor 30 Jahren. Die schwangere Frau: seine Mutter, die früh gestorben war, schwanger mit ihm. Der lästige Typ, der ihm dauernd auf den Hintern geklopft hatte: sein Vater. Er, Pawel, der noch Ungeborene, hatte seinen Vater verprügelt und im Wandschrank einen Sohn gezeugt. Oi, oi, oi, oi, oi.

Pawel fasst sich wahrscheinlich vor Schreck erst mal mitten ins Gesicht. Wir sind im heiligen Russland, man weiß ja nie. Die Nase ist noch da. Für die Gurus, die im "reinen Bewusstsein" zu Hause sind, ist so ein Zeitsprung ins Präteritum natürlich eine Bagatelle. Das versuchen sie dem Dümmling klarzumachen. Derweil läuft ein "riesiger Idiot" durch Moskau und füttert zärtlich Spatzen, nachdem er überflüssigen Geistesmenschen die Kehle zugedrückt hat. Der Zyklop dient einem irren Professor von der Gegenfraktion der "Anti-Metaphysiker" als Faktotum. Der zupackende Irre entpuppt sich schließlich als Pawels Sohn. Und das bedeutet gar nichts Gutes…

Entgegen dem alten Lateiner-Spruch, es sei schwer, keine Satire zu schreiben, müssen wir gelegentlich konstatieren: Es ist doch immer noch schwerer, eine zu schreiben. Mamlejew hat seine zweifellos große Diesseits- wie auch Jenseitserfahrung in dieses famose Porträt des "heimlichen Moskau" investiert, das sich bekanntlich bis in die Akademien und sogar die Armeeführung erstreckt, die sich einen Militärastrologen leistet. Doch wie ein Bret Easton Ellis seine platte Huldigung an den American Way of Life als Satire ausgibt, so betreibt auch Mamlejew satirische Mimikry, bisweilen sogar Gogol-Mimikry. Tatsächlich ist er aber von seinen überspannten Heilsaposteln kaum zu unterscheiden, können Witz und ein gewisses Aroma des Abstrusen nicht entschädigen für die über 300 Seiten raunende Geheimniskrämerei, die zwar nicht an Gogol und Daniil Charms, dafür aber fatal an Hermann Hesse erinnert. Man spürt und teilt das ungestillte Bedürfnis des Autors nach Überwindung der dürftigen Lebensprosa, aber er schwadroniert zu viel.