Von Andreas Nentwich

Hunde, die bellen, beißen nicht, und die Meckerei ihrer Herrchen und Frauchen ist „ein getarntes Gesprächsangebot“, jedenfalls wenn es sich um Berliner Hunde, Herrchen und Frauchen handelt. Denn eigentlich, sagt Monika Maron, „sind wir nett“. Sie sagt es im ICE zu einem antipreußisch-föderalistisch-kleinkarierten Jackett aus Ulm, doch alle Liebesmüh ist vergebens: „Sie dürfen bei Rot über die Straße gehen, rief ich ihm noch hinterher, aber wahrscheinlich hat er das nicht mehr gehört.“

So ist es wohl. Im Hinblick auf Berlin gibt es nur ein Entweder-oder, und wer das Grundgeräusch, den „Kammerton A“, dieser weltschönsten aller grauen Städte im eigenen Herzschlag hören kann, der wird ihre atmosphärischen Gemengelagen und nicht zuletzt den Charme der Berliner „Schnauze“ noch in den verspielt-provokativen Nebensachen von Marons jüngstem Buch verspüren. Geburtsort Ber lin ist es nach dem einzigen bislang unpublizierten seiner acht Texte betitelt, einer autobiografischen Reflexion über das „Erkennen und die Zugehörigkeit zum Erkannten“, die Liebe also.

Ihr Pfeil traf die knapp Zwanzigjährige an „einem sehr warmen Frühlingstag“ des Jahres 1960 in der Trambahnlinie 46, gleich hinter der Kurve Invaliden-/Chausseestraße, und führte zu einer stummen Explosion der Leidenschaft: „Ich sah auf die verdreckte Asphalthaut der Chausseestraße und dachte, daß ich sie umarmen wollte, mich mit ausgebreiteten Armen flach auf die Straße legen und die Straße, die Stadt umarmen.“

So ungeschützt wie hier rücken die Gefühle selten ins Bild, aber spürbar sind sie in allen Texten, als Entschiedenheit für das Laisser-faire, den schnellen Witz, die Kneipenanarchie und Pathosferne einer Stadt, die, wäre sie „eine Person gewesen, … zu uns gehört“ hätte „und nicht zu denen“. Nicht zu Hitler, der „in Berlin nie die Mehrheit“ hatte, nicht zu den „Barbaren“, die es „verkommen ließen“, in der Mitte zerrissen und den Riss für das Ende der Welt erklärten: „Die Stadtmitte der Hauptstadt ist ihr westlicher Außenbezirk. Die Mitte ist die Grenze; das Nichtüberschreitbare ist die Mitte, auch des Denkens. Da, mitten in die Mitte hinein führt eine Tür, ein eisernes, braun angestrichenes Tor, durch das die von draußen kommen, von drüben, aus dem Westen, wie immer einer das nennt. Die Tür hat nur auf einer Seite eine Klinke, auf der anderen.“

Mit dem Steilflug dieser Sätze auf den „Sicherheitstrakt“ Bahnhof Friedrichstraße, einen „Ort voll stumpfer Dramatik“, beginnt ein weiteres Hauptstück des Bandes, der Erzählessay Wir wollen trinken und ein bißchen weinen von 1986, der, seinerzeit nur im Westen publiziert, die Widersprüche des Regimes in peinigenden Miniaturen vorführt: das Valutarestaurant, „Restaurant für Weiße“ genannt, weil es für die „Schwarzen“, die „valutären Habenichtse“ mit ihrem Kindergeld, praktisch nicht betretbar war. Die Wachablösung, durchlitten inmitten einer französischen Reisegruppe, die das militaristische Zeremoniell „mit belustigten oder befremdeten Blicken“ verfolgt; in jedem Satz pocht unausgesprochen die bodenlose Scham der in den Friedensstaat eingesperrten Funktionärstochter. Wenn Maron das Absurde fokussiert, steht ihr eine vor Ingrimm vibrierende Sachlichkeit zu Gebote, die schneidender ist als jede Anklage.