Was ist Liebe? Liebe, sagte Jean Anouilh, sei auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst habe. Der arme Marx! Im Spätmarxismus der Siebziger redeten wir vom "objektiven Faktor Subjektivität". Da war wieder mal klar, dass die Theorie immer an der Liebe scheitert. Wen die Liebe trifft wie ein Blitz, der fragt nicht nach Definitionen. Erst im Augenblick der Krise, des Konflikts verlangsamen sich die Gefühle, und der zurückgebliebene Verstand macht sich auf die Socken, sie einzuholen. In der Regel vergeblich: Was da war und hoffentlich noch ist, kann er nicht begreifen. Es macht ihn ganz dumm.

Den einzig möglichen Ausweg hat Marx nicht beschritten. Er besteht darin, von der Liebe zu erzählen. Dieser Ausweg ist so wenig originell, dass ganze Bibliotheken der Weltliteratur von nichts anderem handeln als vom Glück, vom Scheitern, von der Tragik der Liebe. Heine hat versucht, damit kurzen Prozess zu machen: "Ein Jüngling liebt ein Mädchen, / Die hat einen andern erwählt…" Und er schließt mit den berühmten Zeilen: "Es ist eine alte Geschichte, / Doch bleibt sie immer neu; / Und wem sie just passieret, / Dem bricht das Herz entzwei."

Natürlich wird die alte Geschichte immer von neuem erzählt, und insofern ist Hanns-Josef Ortheils Roman mit dem emphatischen Titel Die große Liebe nur ein kleines Kapitel in einer unendlichen Geschichte, allerdings ein ungewöhnliches. Denn der Jüngling liebt ein Mädchen, die hat gerade ihn erwählt. Kein Herz bricht entzwei. Das ist ungewöhnlich, weil die großen Liebesgeschichten der Literatur, von Romeo und Julia bis Effi Briest, von Werther bis Madame Bovary, traurig enden.

W arum ist das so? Vielleicht deshalb, weil von der glücklichen Liebe nicht erzählt werden muss, vielleicht nicht einmal erzählt werden kann. Wer sie erfährt, dem verschlägt es oft die Sprache. Erst das Liebesleid, so scheint es, öffnet die Schleusen der Erinnerung. Und dann gibt es einen innerliterarischen Grund: Das schattenlose Glück entbehrt jeglicher Dramatik. Wo keine Gefahr droht, braucht man das Rettende nicht.

All dies ist Konvention, kein Gesetz. Sich nicht daran zu halten ist riskant, und das Spannende an Ortheils Roman ist, wie er über die Klippen des Klippenmangels, also des Defizits an Tragik hinwegsteuert. Der junge Mann, der da in einen italienischen Badeort reist, um für einen Fernsehfilm zu recherchieren, und der sich auf der Stelle in die Leiterin des ortsansässigen Instituts für Meeresbiologie verliebt, trifft auf keinen wirklichen Gegner. Er selber hat eine langjährige Beziehung samt Trennung so weit überstanden, dass ihn nur noch ein Rest des Bedauerns belastet. Er ist also frei, und wir erleben mit ihm die Zugfahrt nach San Benedetto und den ersten Anblick des Meeres wie einen Aufbruch zu neuen Ufern.

Die Meeresbiologin ist zwar mit einem italienischen Kollegen verlobt, sieht sich aber von ihrer Liebe zu dem deutschen Fernsehredakteur derart überrascht und überwältigt, dass sie, wie es in der Marquise von O. heißt, "mit dem ganzen Stolz der Unschuld gerüstet", allen Verabredungen und Hemmungen Lebewohl sagt und sich umstandlos hingibt – nicht so sehr dem Mann als vielmehr ihrem Schicksal, das sie nunmehr unerschrocken in die eigene Hand nimmt.

Das ist die ganze Geschichte. Der gedemütigte Verlobte, ein ebenso tüchtiger Wissenschaftler wie spießiger Mann, leistet Widerstand, droht mit Repressalien, aber er hat mit seiner kleinen Zuneigung zum Bekömmlichen keine Chance gegen die Macht der großen Gefühle. Im entscheidenden Gespräch sagt der wahrhaft Geliebte zum bloß Verlobten: "Sie werden es pathetisch finden, aber in meinen Augen ist es Die große Liebe , sie ist es übrigens auf beiden Seiten, es ist Die große Liebe ohne Herzschmerz und Eifersucht, ohne Intrigen und Vorbehalte, ohne jeden Kummer und Rücksichten. Wir befinden uns in einem Roman, Franca und ich – wir schreiben gleichsam an einem Roman, es ist ein beinahe klassischer Liebesroman. Zwei Menschen erkennen, dass sie füreinander geschaffen sind, das ist es, und es ist so gewaltig, dass es alles andere zum Schweigen bringt."